
Es ist einer dieser grauen Vormittage, an denen der Regen gegen die Fenster meiner Neustädter Wohnung peitscht und Mila sich schreiend auf den Boden wirft, weil Gummistiefel heute ein konsequentes „Nein!“ sind. Wir stecken jetzt seit etwa zwei Monaten mitten in dieser Phase, in der jeder Schuh zur Grundsatzdebatte wird und die Schwerkraft im Supermarkt scheinbar nur für dreijährige Mädchen gilt, die gerade keine Lust auf Bio-Bananen haben. Draußen ist es grau, drinnen ist es laut, und mein kalter Tee auf dem Küchentisch starrt mich vorwurfsvoll an.
Wenn die Wände in der Neustadt immer enger werden
Wir wohnen hier in der Dresdner Neustadt ja eigentlich wunderschön, aber wenn es das dritte Regenwochenende in Folge ist, merkt man erst, wie klein so eine Altbauwohnung ohne eigenen Garten wirklich sein kann. Laut dem Statistischen Bundesamt gibt es im Durchschnitt etwa 10 Regentage in Dresden im Juli – und ich habe das Gefühl, wir haben dieses Jahr schon alle zehn in der ersten Juliwoche aufgebraucht. Wenn man dann noch als freiberufliche Literaturübersetzerin versucht, einen französischen Roman zu bändigen, während ein Kleinkind beschließt, dass die Polster vom Sofa ab sofort eine Hüpfburg sind, stößt man an Grenzen.
Ich sitze dann da, die Grammatik von Flaubert im Kopf und das „Ich will aber nicht!“ von Mila im Ohr. Die Enge der Wohnung wird spürbar. Manchmal habe ich das Gefühl, die Luft besteht nur noch aus unerfüllten Spielwünschen und Feuchtigkeit. Ich bin keine Pädagogin, ich versuche nur herauszufinden, wie man den Vormittag übersteht, ohne dass am Ende alle weinen. In diesen Momenten hilft mir der Gedanke, dass diese Autonomiephase, die typischerweise im Zeitraum von 2 bis 4 Jahren stattfindet, ein wichtiger Meilenstein ist. Aber ganz ehrlich? Wenn man gerade zum fünften Mal über denselben Plastikbagger stolpert, ist einem die kognitive Entwicklung herzlich egal.
Der gescheiterte Plan mit der pädagogischen Bastelstunde
Letzten Dienstagmorgen dachte ich, ich sei besonders schlau. Ich hatte auf irgendeinem Blog eine „pädagogisch wertvolle“ Bastelidee gesehen: Salzteig-Figuren. Es klang so einfach. Mehl, Salz, Wasser. Ein bisschen Kneten, ein bisschen Ruhe. Ein Trugschluss. Es endete in einer Mehl-Explosion, die bis in die Ritzen des Parketts reichte. Mila wollte den Teig nicht kneten, sie wollte ihn werfen. Und als ich versuchte, ihr zu erklären, dass wir auf dem Standardmaß für Bastelpapier DIN A4 (das sind übrigens 210 x 297 mm, falls jemand fragt) bleiben müssen, gab es den ersten großen Zusammenbruch des Tages.
Ich stand da, mit Mehl im Haar, und hörte das schmatzende Geräusch meiner Socken auf dem Parkett, weil irgendwo eine Pfütze aus Apfelsaftschorle und Knete entstanden ist. In diesem Moment habe ich kurz die Beherrschung verloren und lauter „Stopp!“ gerufen, als ich wollte. Mila erschrak, ich erschrak, und am Ende saßen wir beide weinend in der Küche zwischen Mehlbergen und unfertigen Teigklumpen. Ich habe in dieser Phase oft das Gefühl, dass ich meine Geduld viel zu schnell verliere, besonders wenn der Regen draußen einfach nicht aufhören will.
Die Rettung durch die radikale Einfachheit
Nach dem großen Mehl-Debakel und einer langen Kuschelrunde auf dem Teppich (die bei uns oft die einzige Rettung nach einer Eskalation ist), kam die Erleuchtung aus reinem Pragmatismus. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte keine „Aktivität“ mehr anleiten. Ich habe einfach eine große Plastikschüssel mit lauwarmem Wasser gefüllt, ein paar leere Joghurtbecher und einen Schneebesen dazu gelegt und das Ganze auf ein großes Handtuch ins Badezimmer gestellt.
Und dann passierte das Wunder: Vierzig Minuten absolute Konzentration. Mila hat einfach nur Wasser von einem Becher in den anderen gegossen. Kein „Mama, spiel mit!“, kein „Nein!“. Nur das Plätschern des Wassers. Ich saß auf dem Rand der Badewanne und starrte ins Leere. In diesem Moment kam mir der kurze, verzweifelte Gedanke, ob es wohl sehr pädagogisch wertlos wäre, Mila einfach eine Stunde lang beim Beobachten der Waschmaschine zuzusehen. Aber wisst ihr was? Es wäre völlig okay gewesen.
Warum wir aufhören sollten, Animateure zu sein
Hier kommt meine unpopuläre Meinung, die ich erst durch den Schlamassel der letzten zwei Wochen gelernt habe: Wir müssen aufhören, unsere Kinder bei Regen ständig beschäftigen zu wollen. Wir kaufen Bastelsets, suchen Pinterest-Boards ab und bauen Kletterparcours im Flur, nur um den nächsten Wutanfall zu verhindern. Aber eigentlich fördern wir damit nur das Klammern. In der Trotzphase ist die Welt für die Kleinen ohnehin schon chaotisch genug. Wenn wir ihnen dann noch ein Dauerfeuer an Bespaßung bieten, überfordern wir sie völlig.
Gezielte Langeweile ist ein Geschenk, auch wenn es sich am Anfang wie eine Drohung anfühlt. Wenn Mila nichts zu tun hat, fängt sie irgendwann an, ihre Kuscheltiere in die S-Bahn-Schienen (meine alten Lexika) zu setzen und ihnen Geschichten zu erzählen. Das passiert aber nur, wenn ich mich zurückziehe. Ich bin ihre sichere Basis, aber ich bin nicht ihr Pausenclown. Diese Erkenntnis hat mir geholfen, auch den Abschiedsschmerz am Morgen im Kindergarten besser zu verstehen – es geht oft um diese Balance zwischen Nähe und dem Finden der eigenen Kraft.
Überlebensstrategien für den Lagerkoller
Wenn der Regen am Nachmittag nach dem Mittagsschlaf immer noch gegen die Scheiben trommelt, habe ich inzwischen ein paar „Low-Energy“-Strategien, die funktionieren, ohne dass die Wohnung komplett zerstört wird:
- Die Höhle unter dem Schreibtisch: Eine Decke über den Tisch, ein paar Kissen drunter. Das ist Milas Rückzugsort, wenn ihr alles zu viel wird. Manchmal schiebe ich ihr einen Apfelschnitz rein wie einem kleinen Hamster.
- Fensterbilder mit Kreidemarkern: Das lässt sich super leicht wieder abwischen und beschäftigt sie ewig, während ich daneben sitze und zumindest drei Sätze übersetzen kann.
- Die „Regenpause“-Expedition: Sobald es auch nur für fünf Minuten aufhört, ziehen wir die Matschsachen an. Es ist mir egal, ob wir danach alle nass sind. Die frische Luft in der Neustadt ist Gold wert, um den Kopf frei zu kriegen.
Ich sitze jetzt hier, Sonntagabend, Mila schläft endlich (nach einer weiteren Grundsatzdiskussion darüber, ob Schlafanzüge auch „Nein!“ sagen können). Ich trinke die Resthälfte vom kalten Tee aus und schaue auf die leeren Joghurtbecher im Bad. Der Regen hat aufgehört. Morgen wird hoffentlich die Sonne scheinen, aber wenn nicht, ist das auch okay. Wir haben Mehl im Parkett und Wasser auf den Fliesen, aber wir haben den Tag überstanden. Und manchmal ist das alles, was zählt.
Man vergisst oft, dass wir nicht perfekt sein müssen. Wir müssen nur da sein. Auch wenn wir müde sind, auch wenn wir nicht wissen, wie wir das Kind vom Supermarktboden hochbekommen sollen. Wir uebersetzen uns den Alltag eben so gut es geht, Wort für Wort, Pfütze für Pfütze.