Wie lange dauert die Trotzphase wirklich? Ein Blick in mein Tagebuch

2026.05.16
Wie lange dauert die Trotzphase wirklich? Ein Blick in mein Tagebuch

Es war einer dieser Nachmittage letzte Woche, an denen man sich fragt, ob man irgendetwas im Leben grundlegend falsch verstanden hat. Ich stand in diesem Bio-Supermarkt in der Dresden-Neustadt – du weißt schon, der, wo die Gänge so eng sind, dass man mit dem Buggy kaum um die Kurve kommt – und Mila lag auf dem Boden. Flach wie eine Flunder. Warum? Weil ich es gewagt hatte, den Joghurt mit der blauen Banderole zu nehmen, obwohl sie heute (und nur heute) ausschließlich Dinge mit gelber Banderole akzeptiert.

Die anderen Kunden sind vorsichtig um uns herumgestiegen, so wie man um eine Unfallstelle herumläuft. Manche mit diesem mitleidigen Lächeln, das eigentlich sagt: "Gott sei Dank bin ich das nicht", andere mit diesem starren Blick nach vorn. Und ich? Ich stand da, zwischen Hafermilch und Quinoa, und habe ernsthaft überlegt, ob ich mich einfach daneben legen soll. Einfach mitmachen. Vielleicht gibt es ja Mengenrabatt auf Mitleid.

Bevor ich dir aber erzähle, wie wir da wieder rausgekommen sind (Spoiler: Es war nicht elegant), ein kurzer Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine kleine Provision, aber für dich ändert sich am Preis absolut gar nichts. Ich empfehle hier nur Kurse und Programme, die ich selbst in meinen nächtlichen Verzweiflungsphasen ausprobiert habe, während ich eigentlich französische Romane übersetzen sollte. Meine vollständige Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite.

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Woche 8 der großen Verweigerung

Als ich heute Abend endlich am Schreibtisch saß – Mila schläft seit einer Stunde, die S-Bahn rattert draußen Richtung Bischofsplatz und mein Tee ist, wie immer, schon wieder eiskalt – habe ich mein Tagebuch aufgeschlagen. Ich schreibe da jeden Sonntagabend ein paar Zeilen rein, seit die Sache Ende März so richtig losging. Und da stand es schwarz auf weiß: Seit genau acht Wochen ist jedes einzelne Wort, das aus diesem kleinen, süßen Mund kommt, ein "Nein".

Mila ist jetzt drei Jahre und sieben Monate alt. Ein Alter, in dem sie eigentlich schon so viele Wörter kennt, aber anscheinend hat sie beschlossen, dass ein einziges einsilbiges Wort ausreicht, um das gesamte Universum zu regieren. Es begann schleichend im zeitigen Frühjahr, zeitgleich mit den ersten Krokussen im Alaunpark. Erst war es nur das Zähneputzen, dann die Wahl der Socken, und mittlerweile ist es eine Grundsatzdebatte über die Existenzberechtigung von Regenjacken.

Ich habe mich oft gefragt: Wie lange dauert das eigentlich? Wann hört das auf? In meinen schlimmsten Momenten – meistens so gegen 18:30 Uhr, wenn die Nudeln auf dem Boden liegen statt im Kind – fühlt es sich an wie eine lebenslange Haftstrafe ohne Aussicht auf Bewährung.

Die Suche nach dem Notausgang

Ich bin keine Pädagogin. Ich bin eine Frau, die versucht, die Nuancen eines französischen Adjektivs zu treffen, während im Hintergrund ein Kleinkind versucht, die Wandfarbe mit einem Filzstift zu "optimieren". Mitte April war ich an einem Punkt, an dem ich nachts gegoogelt habe: "Kind 3 Jahre Trotzphase Ende wann?". Ich wollte ein Datum. Einen Kalendereintrag. Irgendwas.

Dabei bin ich auf das Trotzphase Videoseminar gestoßen. Es dauert nur 28 Minuten. Das war mein Hauptargument für den Kauf. Als Alleinerziehende habe ich keine Zeit für 20-stündige Vorlesungen. Ich brauchte Erste Hilfe. Das Seminar gibt es schon seit 8.7 Jahren auf dem Markt, was mich irgendwie beruhigt hat – anscheinend hatten schon vor fast einem Jahrzehnt Mütter genau dieselben Nervenzusammenbrüche wie ich.

Was ich dort gelernt habe? Dass es keine Trotzphase ist. Es ist die Autonomiephase. Ein Wort, das für mich als Übersetzerin natürlich viel schöner klingt. Autonomie. Das klingt nach Freiheit, nach Selbstständigkeit, nach Aufbruch. Wenn Mila also schreit, weil ich die Banane falsch geschält habe, dann übt sie eigentlich nur, eine eigenständige Person zu sein. Schön und gut, aber es hilft mir wenig, wenn ich um 8 Uhr morgens zur Kita hetzen muss und sie beschließt, dass Schuhe heute ein Instrument der Unterdrückung sind.

Wenn die Standard-Tipps nicht funktionieren

Hier ist das Problem: Die meisten Ratgeber gehen davon aus, dass man zu zweit ist. Da heißt es dann: "Wenn es dir zu viel wird, übergebe das Kind kurz dem Partner und atme tief durch." Ja, super Tipp. Wem soll ich Mila übergeben? Dem Postboten? Meiner Nachbarin, die schon böse guckt, wenn wir nur im Treppenhaus flüstern?

Als Alleinerziehende im Homeoffice bricht das Konzept der Auszeit sofort zusammen. Wenn Mila einen Wutanfall hat, bin ich die Einzige, die da ist. Es gibt kein Tag-Team. Es gibt nur mich, Mila und die eskalierende Situation. In einer Woche im April hatten wir drei Tage hintereinander, an denen ich am Ende mitgeweint habe. Ich saß auf dem Flur, sie brüllte im Zimmer, und ich dachte nur: Ich kann nicht mehr. Ich bin einfach nicht für diesen Job gemacht.

Ich habe dann angefangen, mich intensiver mit Konfliktleichtigkeit für Familien zu beschäftigen. Das ist ein Ansatz, der stark auf der Gewaltfreien Kommunikation basiert. Da ich beruflich mit Sprache arbeite, hat mich das sofort abgeholt. Es geht darum, wie wir Dinge sagen. Nicht: "Zieh jetzt die Schuhe an!", sondern eher herauszufinden, warum das Nein gerade so laut ist. Spoiler: Es ist oft gar nicht der Schuh. Es ist das Gefühl, keine Kontrolle zu haben.

Ich habe dazu auch schon mal etwas geschrieben, wie man Wutanfälle verstehen und begleiten kann, ohne selbst die Nerven zu verlieren. Aber ganz ehrlich? Theorie und Praxis sind zwei verschiedene Welten, besonders wenn man gerade die dritte Tasse kalten Tee trinkt.

Ein Dienstag im Mai: Der Tiefpunkt

Letzten Dienstag war so ein Tag, an dem gar nichts klappte. Ich hatte eine Deadline für ein Kapitel, Mila hatte schlechte Laune, weil es in der Kita geregnet hatte, und die Waschmaschine hat komische Geräusche gemacht. Als sie sich weigerte, ihren Schlafanzug anzuziehen – den mit den kleinen Katzen, den sie eigentlich liebt – bin ich laut geworden. Ich habe geschrien. Nicht pädagogisch wertvoll, nicht reflektiert, einfach nur laut.

Mila hat mich mit großen Augen angeschaut, ist kurz ganz still geworden und hat dann noch lauter geweint. In diesem Moment fühlte ich mich wie die schlechteste Mutter der Welt. Alle Tipps über Überforderung vermeiden waren in meinem Kopf wie gelöscht.

Was mich gerettet hat, war ein Gedanke aus dem Seminar: Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, wie man danach damit umgeht. Ich habe mich zu ihr gesetzt, sie in den Arm genommen (nachdem sie mich erst weggeschubst hat, was okay war) und gesagt: "Mama war gerade sehr laut, weil ich müde bin. Das tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken."

Das ist das, was ich unter Konfliktleichtigkeit verstehe. Es macht die Konflikte nicht weg – Gott bewahre, Mila hat immer noch ihren eigenen Kopf –, aber es nimmt die Schärfe raus. Es macht aus dem Machtkampf eine Begegnung. Auch wenn diese Begegnung manchmal auf dem Küchenboden stattfindet.

Wie lange dauert es denn nun?

Wenn du mich fragst, wie lange die Trotzphase dauert: Ich weiß es immer noch nicht genau. Manche sagen, bis sie vier sind. Manche sagen, es hört nie wirklich auf, es ändert nur die Form. Mila ist jetzt 3 Jahre und 7 Monate alt, und wir sind seit acht Wochen mitten im Auge des Sturms.

Aber ich habe aufgehört, auf den Kalender zu starren. Ich versuche eher, die kleinen Siege zu feiern. Gestern hat sie zum Beispiel nur dreimal Nein gesagt, bevor sie die Zähne geputzt hat. Ein neuer Rekord! Ich habe mir dann überlegt, ob ich mir das Elternförderprogramm anschaue. Das deckt die Zeit von 1 bis 4 Jahren komplett ab und ist sehr strukturiert. Vielleicht ist das was für mich, wenn ich wieder mehr Kapazität im Kopf habe. Es ist erst seit etwa 1.6 Jahren am Markt, aber die Ansätze klingen vernünftig für Leute, die einen klaren Fahrplan brauchen.

Für den Moment bleibe ich bei meinem Tee und meinen französischen Romanen. Muttersein ist ein bisschen wie eine schlechte Übersetzung: Manchmal findet man einfach nicht das richtige Wort, manchmal ergibt der ganze Satz keinen Sinn, und am Ende muss man trotzdem irgendwie fertig werden.

Wenn du auch gerade allein zu Hause sitzt und dich fragst, ob dein Kind jemals wieder etwas anderes als "Nein" sagen wird: Du bist nicht allein. Trink deinen Tee (auch wenn er kalt ist) und atme durch. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Tag für neue Neins – und vielleicht ein klitzekleines Ja.

Falls du wirklich das Gefühl hast, gerade gar keinen Ausweg mehr zu sehen, schau dir mal die Methode von Konfliktleichtigkeit für Familien an. Mir hat es geholfen, Sprache wieder als Werkzeug zu sehen und nicht als Waffe. Es braucht Übung – diese Ich-Botschaften fließen mir auch nicht immer locker aus dem Ärmel, besonders nicht vor dem ersten Kaffee –, aber es ist ein Anfang.