
Es ist Sonntagabend, kurz vor elf. Ich sitze am Küchentisch in der Dresdner Neustadt, die Fenster stehen weit offen, und von draußen weht das ferne, metallische Rumpeln der 13er-Bahn herein. Vor mir steht eine Tasse Kamillentee, die so kalt ist, dass sich oben schon dieser unappetitliche Film gebildet hat. Aber ich trinke sie trotzdem. Mila schläft seit genau siebenundvierzig Minuten.
Eigentlich sollte ich an der Übersetzung des neuen Romans von Valérie Perrin arbeiten, aber mein Blick bleibt an einem klebrigen Abdruck kleiner Hände auf meinem Manuskript hängen – Erdbeermarmelade von heute Morgen, schätze ich. Oder vielleicht auch Frust. Der heutige Tag war einer dieser Tage, an denen ich mich gefragt habe, ob man für das Elternsein eigentlich eine Fremdsprachenprüfung ablegen muss, die ich glorreich verhauen habe.
Der 22-Minuten-Marathon im Bio-Markt
Alles fing letzten Mittwoch an, es war Ende Mai. Wir waren im Bio-Markt an der Rothenburger Straße, eigentlich nur schnell Hafermilch und Äpfel holen. Mila ist jetzt drei Jahre und sieben Monate alt – ein Alter, in dem „Nein!“ nicht nur ein Wort ist, sondern eine Lebenseinstellung. Es reichte ein falscher Joghurt. Nicht der mit dem blauen Deckel, sondern der mit dem hellblauen. Ein winziger Nuancen-Unterschied, der in Milas Welt offenbar den Unterschied zwischen Glückseligkeit und dem totalen Weltuntergang ausmacht.
Innerhalb von Sekunden lag mein Kind auf dem Boden, die Beine trommelten gegen das Kühlregal, und eine Packung Joghurt wurde unter ihrem Rücken sanft, aber bestimmt zerquetscht. Ich stand daneben, spürte die Blicke der anderen Kunden im Nacken – diese Mischung aus Mitleid und diesem „Hätte sie ihr Kind mal besser im Griff“-Ausdruck, den man besonders in der Neustadt oft erntet, wo scheinbar alle anderen Kinder nur mit Holzspielzeug meditieren.
Dieser Wutanfall dauerte gefühlt eine Ewigkeit, auf meiner Uhr waren es exakt 22 Minuten. Vom ersten Schrei bis zu dem Moment, als wir den Laden verließen, während ich versuchte, gleichzeitig die zerdrückte Packung zu bezahlen und ein schreiendes Kind wie ein widerspenstiges Surfbrett unter dem Arm zu tragen. In solchen Momenten fühlt sich das Alleinerziehend-Sein an wie eine Wanderung ohne Karte, bei der es plötzlich anfängt zu hageln – und man hat den Regenschirm in der S-Bahn liegen lassen.
Warum passiert das eigentlich? (Die Sicht der Übersetzerin)
Ich bin keine Psychologin. Aber wenn ich französische Lyrik übersetze, muss ich die Struktur hinter den Worten verstehen. Bei Milas Wutanfällen ist es ähnlich. Diese Phase, die wir so unschön „Trotzphase“ nennen, ist eigentlich ein riesiger neurologischer Umbauprozess. Es ist, als würde man ein altes Fachwerkhaus renovieren, während man darin wohnt – überall ist Staub, die Leitungen liegen offen, und manchmal bricht einfach eine Wand ein.
Das Gehirn eines dreijährigen Kindes ist wie ein Computer, auf dem gleichzeitig fünfzehn Hochleistungsprogramme laufen, aber der Prozessor ist noch aus den Neunzigern. Mila will Autonomie. Sie will entscheiden. Aber ihr präfrontaler Cortex – das Teil im Kopf, das für Logik und Impulskontrolle zuständig ist – ist noch eine Großbaustelle. Wenn dann der falsche Joghurt kommt, brennt die Sicherung durch. In der Entwicklungspsychologie nennt man das die Autonomiephase.
Es ist kein böser Wille. Es ist ein notwendiger Schritt, damit sie irgendwann mal eine starke Frau wird, die weiß, was sie will. Nur hilft mir diese theoretische Erkenntnis herzlich wenig, wenn ich im Supermarkt stehe und mein Puls höher ist als die Miete für eine Drei-Zimmer-Wohnung im Barockviertel. Ich habe in solchen Momenten oft das Gefühl, wir sprechen zwei völlig verschiedene Sprachen, und mein inneres Wörterbuch hat gerade alle Seiten verloren.
Wenn die eigene Geduld wie ein Kartenhaus einstürzt
Der schwierigste Teil ist nicht Milas Wut. Es ist meine eigene Reaktion. Letzten Sonntagabend war so ein Moment. Wir hatten einen langen Tag im Alaunpark hinter uns, die Sonne war warm, und eigentlich war alles schön. Aber dann ging es um die Socken. Die linke Socke war „zu kitzelig“. Ich habe versucht, ruhig zu bleiben. Ich habe die Socke gewechselt. Ich habe gesungen. Ich habe die Socke „gestreichelt“. Aber beim elften „Nein!“ in Folge spürte ich dieses plötzliche, heiße Pochen in meinen Schläfen.
Meine mühsam aufgebaute Geduld stürzte ein. Ich habe nicht nur laut gesagt, dass sie die Socken jetzt anziehen soll – ich habe fast geschrien. Die Worte fühlten sich in meinem Mund ganz bitter an. Mila erschrak, ich erschrak noch mehr. Wir saßen beide im Flur zwischen den verstreuten Schuhen und haben geweint. Ich fühlte mich wie die schlechteste Mutter der Welt. Eine Versagerin, die es nicht schafft, ein Kleinkind anzuziehen, ohne die Beherrschung zu verlieren.
Besonders schlimm ist es, wenn das Kind in solchen Phasen auch noch körperlich wird. Ich habe neulich erst darüber nachgedacht, was man tun kann, wenn das Kleinkind haut und tritt, weil diese Aggressionen oft Hand in Hand mit der Verzweiflung gehen. Es ist ein Teufelskreis aus Überforderung auf beiden Seiten.
Konfliktleichtigkeit finden: Der Anker im Sturm
In den letzten Wochen habe ich angefangen, mich intensiver mit dem Konzept der Konfliktleichtigkeit zu beschäftigen. Es ist kein Zauberstab, der Wutanfälle verschwinden lässt. Schön wär’s. Aber es verändert, wie ich darauf schaue. Früher dachte ich, ich müsste den Wutanfall „stoppen“. Heute weiß ich: Ich muss ihn begleiten. Das klingt so herrlich pädagogisch wertvoll, ist aber in der Praxis verdammt harte Arbeit.
Es bedeutet, der ruhige Anker zu sein, während das Kind im emotionalen Ozean untergeht. Hier sind ein paar Dinge, die ich in den letzten Monaten gelernt habe – meistens auf die harte Tour:
- Atmen, bevor man spricht: Wenn ich merke, dass das Pochen in den Schläfen kommt, nehme ich drei tiefe Atemzüge. Das gibt meinem eigenen Gehirn die Sekunde Zeit, die es braucht, um nicht in den Kampf-Modus zu schalten.
- Validieren, nicht diskutieren: „Du bist gerade richtig sauer, weil der Joghurt falsch ist, oder?“ Das nimmt oft den ersten Druck raus. Es geht nicht um den Joghurt. Es geht darum, gesehen zu werden. Wenn ich anfange zu erklären, warum der hellblaue Deckel auch okay ist, habe ich schon verloren.
- Körperliche Nähe (wenn erlaubt): Manchmal braucht Mila eine feste Umarmung, um sich wieder zu spüren. Manchmal darf ich sie nicht mal ansehen. Ich bleibe einfach in der Nähe, sitze auf dem Boden und signalisiere: Ich halte das mit dir aus.
Ich merke oft, dass diese Wutanfälle Teil eines größeren Drangs sind. Mila will die Welt kontrollieren, weil sie gerade erst versteht, dass sie eine eigene Person ist. Ich habe dazu neulich einen Text darüber geschrieben, wie man es schafft, dass ein Kind alles alleine machen will, ohne dass der gesamte Zeitplan für den Tag implodiert.
Die Wahrheit für Alleinerziehende: Der gesunde Rückzug
Überall liest man von Co-Regulation. Dass wir Eltern unsere Ruhe auf das Kind übertragen sollen. Aber ganz ehrlich? Wenn du alleinerziehend bist, hast du niemanden, der dich ablöst, wenn deine eigene Batterie auf dem letzten Prozent läuft. Es gibt keinen Partner, dem man das schreiende Bündel in den Arm drücken kann, um mal zehn Minuten um den Block zu laufen.
Mein persönlicher Rettungsanker kam an einem Dienstag im April. Mila schrie, weil die Banane schief durchgebrochen war. Ich merkte, wie ich innerlich kurz davor war, wieder zu explodieren. Anstatt zu versuchen, sie krampfhaft zu beruhigen, sagte ich: „Mila, ich bin gerade so wütend, dass ich kurz in die Küche gehen muss. Ich komme gleich wieder.“
Ich ging raus, schloss die Tür für dreißig Sekunden, drückte mein Gesicht in ein Geschirrhandtuch und atmete. Dieser kurze Rückzug ist oft die einzige Möglichkeit, um die eigene emotionale Stabilität zu bewahren. Es ist okay, kurz wegzugehen, um nicht das Kind anzuschreien. Wir können nur regulieren, wenn wir selbst noch halbwegs bei Sinnen sind. Das ist kein Versagen, das ist Selbstschutz – für uns beide. Manchmal hilft es auch, sich kleine Inseln zu schaffen, wie ich es in meinen Tipps zur Selbstfürsorge für alleinerziehende Mütter beschrieben habe.
Sonntagabend-Fazit
Mila ist jetzt seit etwa zwei Monaten mitten in dieser intensiven Phase. Es gab gute Tage und Tage, an denen ich nur funktioniert habe wie ein schlecht programmierter Roboter. Aber ich merke, dass wir beide wachsen. Ich lerne, dass ein Wutanfall kein persönlicher Angriff auf meine Erziehungskompetenz ist, sondern ein Schrei nach Hilfe bei der Bewältigung riesiger Gefühle, für die sie noch keine Worte hat.
Ich bin immer noch keine Expertin. Ich bin eine Frau, die französische Sätze dreht und wendet, bis sie klingen, und die jetzt lernt, dass das Leben mit einer Dreijährigen keine perfekte Grammatik hat. Es ist eher wie ein roher Erstentwurf: chaotisch, emotional, voller Fehler, aber unglaublich lebendig.
Jetzt trinke ich den letzten Schluck kalten Tee – er schmeckt mittlerweile nach Metall und Müdigkeit –, räume den einsamen Schuh aus dem Flur und gehe ins Bett. Morgen wartet ein neues Kapitel. Hoffentlich mit den richtigen Socken und ohne Joghurt-Drama im Bio-Markt. Aber wenn doch, dann weiß ich zumindest: Wir überstehen auch die nächsten 22 Minuten.