Johanna Kraemer
Schreibt auf Mamas Nervenkost
Über Johanna
Seit vier Jahren übersetze ich französische Gegenwartsliteratur, an einem Schreibtisch am Sprossenfenster meiner Altbauwohnung in Dresden-Neustadt, mit Blick auf den Hinterhof. Daneben steht ein Kallax-Regal, halb Wörterbücher, halb Bilderbücher. An genau diesem Tisch sitze ich oft noch einmal, nachdem Mila schläft.
Mila ist drei Jahre und sieben Monate alt. Seit etwa zwei Monaten steckt sie in der Phase, in der alles Nein heißt und jeder Schuh zur Grundsatzdebatte wird. Ich bin alleinerziehend seit sie zwei war, es gibt keinen zweiten Erwachsenen, der übernimmt, wenn ich abends nicht mehr weiterweiß.
Was ich tue: Texte übersetzen, bei denen jede Bedeutung genau sitzen muss, und nebenbei in Echtzeit lernen, wie man mit einer trotzenden Dreijährigen umgeht. Einen Titel als Pädagogin oder Kinderpsychologin habe ich dafür nicht, das Studium ging in eine andere Richtung.
Vor zwei Wochen, an einem Dienstag, hat Mila sich im Supermarkt auf den Boden geworfen, weil ich den falschen Joghurt genommen hatte. Den ohne Hasen drauf. Zehn Minuten lang war das die drängendste Frage ihres Lebens, und ich stand daneben und wusste nicht, ob ich lachen oder selbst anfangen sollte zu weinen.
Diesen Blog habe ich angefangen, nachdem ich an einem anderen Abend auf dem Küchenboden saß, weil Mila sich weigerte, ihr Zimmer zu verlassen, und las, was andere Mütter dazu schreiben. Ratgeber gibt es ohne Ende. Gefehlt hat mir jemand, der einfach aufschreibt, wie die Woche wirklich lief.
Der Blog entsteht sonntagabends, meistens am selben Tisch. Das Laternenlicht aus dem Hinterhof fällt schräg durch den Vorhang, die Klappheizung tickt, und der Tee hinterlässt einen Kondensring auf dem Untersetzer, weil ich ihn längst vergessen habe. Manchmal höre ich noch, wie Mila im Kinderzimmer kurz aufschluchzt und wieder einschläft, bevor ich aufstehen müsste. Ich schreibe nur auf, was in der Woche wirklich passiert ist.
Ragna aus dem Dresdner Alleinerziehenden-Netzwerk liest öfter mit und sagt mir unverblümt, wenn ein Eintrag zu beschönigend klingt. Das hilft mehr, als es sich anfühlt.
Beiträge von Johanna Kraemer
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