
Mila liegt flach auf dem Boden. Mitten im Gang zwischen den Bio-Linsen und dem Kichererbsen-Mehl, das ich eigentlich nur gekauft habe, um mich kurzzeitig wie eine Frau zu fühlen, die ihr Leben im Griff hat. Der Grund für den Zusammenbruch? Die Hafermilchpackung hat das 'falsche' Blau. Es ist ein verregneter Dienstagnachmittag im März, die Luft im Supermarkt ist stickig, und ich stehe da mit meinem Einkaufsbeutel und dem brennenden Wunsch, mich einfach daneben zu legen.
Seit etwa zwei Monaten stecken wir jetzt in dieser intensiven Phase. Jedes Wort ist ein 'Nein!', jeder Schuh im Flur wird zur Grundsatzdebatte, und ich frage mich regelmäßig, wie ich es schaffe, tagsüber zwanzig Seiten Flaubert zu übersetzen und abends an der Frage zu scheitern, warum man Butter nicht einfach pur mit dem Löffel essen darf. Es ist diese absurde Diskrepanz zwischen meiner intellektuellen Arbeit und der emotionalen Rohheit eines Nachmittags in der Dresden-Neustadt.
Ich bin keine Pädagogin. Ich bin eine Frau, die versucht, die Miete mit französischen Adjektiven zu bezahlen und gleichzeitig ein dreijähriges Kind davon zu überzeugen, dass Socken keine Feinde sind. Aber nach etwa sechs Wochen Dauerschleife von Widerstand habe ich angefangen, mich mit dem Konzept der Konfliktleichtigkeit zu beschäftigen. Nicht, weil ich plötzlich die Erleuchtung hatte, sondern aus purer Notwehr.
Was ist eigentlich Konfliktleichtigkeit?
Zuerst klang das für mich nach einem dieser modernen Begriffe, die gut auf Instagram aussehen, aber im echten Chaos zwischen Windelmüll und Abwasch wenig helfen. Tatsächlich geht es aber darum, den Machtkampf zu verlassen. Weg von diesem 'Ich muss mich jetzt durchsetzen' hin zu einem 'Wie kommen wir hier beide lebend raus, ohne dass jemand weint?'.
In der modernen Pädagogik wird die klassische Trotzphase ja immer öfter als Autonomiephase bezeichnet. Das klingt netter, fühlt sich im Supermarkt aber trotzdem nach Weltuntergang an. Ein wichtiger Punkt, den ich lernen musste: Das kindliche Gehirn ist in solchen Stressmomenten physisch gar nicht in der Lage, logische Argumente zu verarbeiten. Der präfrontale Kortex, also die Zentrale für Vernunft, ist bei Mila mit ihren drei Jahren noch eine ziemliche Baustelle. Da nützt es nichts zu erklären, dass die Milch genau gleich schmeckt, egal wie hell das Blau auf der Packung ist.
Konfliktleichtigkeit bedeutet für mich, das Spiel als Sprache zu nutzen. Letzte Woche beim Wocheneinkauf habe ich nicht versucht, Mila mit Logik vom Boden hochzuziehen. Ich habe mich stattdessen kurz daneben gekniet und die Linsenpackung gefragt, ob sie auch so müde ist wie wir. Mila hat aufgehört zu schreien, mich entgeistert angesehen und ist aufgestanden, um der Linsenpackung zu sagen, dass sie 'gar nicht schlafen will'. Situation entschärft. Kosten für die Nerven? Geringer als erwartet.
Wenn das 'Nein' zur Wand wird
Manchmal hilft aber auch das beste Spiel nichts. Ich erinnere mich an einen Abend Ende April. Ich war müde, die Übersetzung eines besonders zähen Kapitels saß mir im Nacken, und Mila wollte partout nicht in den Schlafanzug. Jedes Mal, wenn ich mich mit dem Thema Wutanfälle verstehen und begleiten beschäftige, denke ich, ich hätte es verstanden. Und dann stehe ich da und merke, wie meine eigene Zündschnur gefährlich kurz wird.
Hier kommt ein Gedanke ins Spiel, den ich erst spät zugelassen habe: Bewusste, kurze Eskalationen können ein Ventil sein. Statt krampfhaft die perfekte, ruhige Mutter zu spielen, die alles weglächelt, habe ich einmal kurz in ein Kissen geschrien. Mila war so überrascht, dass wir beide kurz danach lachen mussten. Es ist okay, zu zeigen, dass Gefühle groß sind – solange wir den Weg zurück zueinander finden. Diese kurzen Entladungen verhindern oft den ganz großen Knall, der sich über Tage anstaut.
Es ist ein bisschen wie beim Navigieren ohne Karte in einer fremden Stadt. Manchmal verfährt man sich, landet in einer Sackgasse und muss einfach einmal laut fluchen, bevor man den Rückwärtsgang einlegt. Als Alleinerziehende habe ich oft das Gefühl, keine Fehler machen zu dürfen, aber genau diese Perfektion macht den Alltag so bleischwer.
Der Wendepunkt im Flur
Ein echter Erfolg war die Schuh-Debatte neulich. Normalerweise dauert es ewig, bis wir das Haus verlassen. Die Einzelfahrt bei der DVB kostet mittlerweile 3,20 EUR, und ich habe das Gefühl, ich zahle pro Minute im Bus drauf, wenn wir es mal wieder nur knapp schaffen. An diesem Morgen wollte Mila die Gummistiefel – bei strahlendem Sonnenschein.
Früher hätte ich diskutiert. 'Es ist zu warm, du schwitzt darin.' Heute habe ich die Gummistiefel einfach sprechen lassen. 'Hallo Mila, wir wollen heute unbedingt den Asphalt küssen!', haben sie mit tiefer Stimme gesagt. Wir hatten dann ein improvisiertes Wettrennen der sprechenden Gummistiefel bis zur S-Bahn-Haltestelle. Es war albern, es war laut, aber wir haben nicht gestritten.
Mila verfügt mit ihren drei Jahren bereits über einen beachtlichen Wortschatz von etwa 1000 Wörtern, aber in diesen Momenten der Autonomie zählt kein einziges davon. Es zählt nur das Gefühl, gesehen zu werden – und vielleicht die Tatsache, dass Mama auch mal Quatsch macht.
Reflexion am Küchentisch
Jetzt sitze ich hier, es ist Sonntagabend. Mila schläft endlich, nachdem sie noch eine halbe Stunde über die Existenzberechtigung von Bettdecken philosophiert hat. Ich trinke die Resthälfte von meinem kalten Earl Grey Tee. Er schmeckt bitter, aber er gehört zu meinem Ritual. Draußen fährt die Linie 13 quietschend durch die Kurve der Görlitzer Straße, und ich genieße die Stille.
Konfliktleichtigkeit bedeutet nicht, dass es nie wieder kracht. Es bedeutet, dass wir uns entscheiden, den Humor nicht unter dem Berg aus ungewaschener Wäsche zu begraben. Es ist die Erkenntnis, dass ich nicht alles unter Kontrolle haben muss. Wenn ich merke, dass ich wieder in den Kampfmodus schalte, versuche ich kurz innezuhalten. Manchmal hilft mir dabei auch das, was ich über Selbstfürsorge für alleinerziehende Mütter gelernt habe – nämlich, dass ich nur dann leicht sein kann, wenn mein eigener Tank nicht komplett leer ist.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion dieser zwei Monate: Wir müssen nicht perfekt sein. Wir müssen nur präsent sein. Und wenn das bedeutet, dass wir im Supermarkt über Linsen philosophieren oder Gummistiefel Stimmen geben, dann ist das eben so. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von kreativem Überlebenswillen.
Morgen fange ich mit einem neuen Kapitel an, ein zeitgenössischer Roman aus Lyon. Die Sätze sind kompliziert, voller verschachtelter Nebensätze. Fast so kompliziert wie die Logik einer Dreijährigen, die keine Butter essen darf. Aber ich weiß jetzt: Mit ein bisschen Leichtigkeit lässt sich fast alles übersetzen – auch ein 'Nein!' in ein gemeinsames Lachen.