
Es ist kurz nach zehn am Mittwochabend. Ich sitze auf dem Boden im Flur meiner Wohnung in der Dresdner Neustadt, den Rücken gegen die kühle Wand gelehnt, und starre auf einen einsamen, lila Gummistiefel, der mitten im Weg liegt. In meiner Hand: eine Tasse Tee, die ich vor gefühlten drei Jahren aufgebrüht habe. Sie ist eiskalt. Die Stille hier drin ist gerade so laut, dass es fast wehtut. Mila schläft endlich – nach einer Debatte über die Farbe ihres Kopfkissens, die so intensiv war, dass ich kurzzeitig dachte, ich müsste ein offizielles Schiedsgericht anrufen.
Hinweis: In diesem Text stecke ich ein paar Affiliate-Links zu Kursen, die mir in den letzten Monaten geholfen haben, nicht komplett den Verstand zu verlieren. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine Provision, aber für dich ändert sich am Preis absolut nichts. Ich empfehle hier nur Dinge, die ich wirklich selbst ausprobiert habe, während ich versuche, mein Leben als Alleinerziehende zu wuppen. Meine komplette Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite.
Flaubert, kalter Tee und die Unmöglichkeit des Feierabends
Ich bin Literaturübersetzerin. Normalerweise jongliere ich mit den Nuancen französischer Adjektive, suche nach dem perfekten Rhythmus für eine Passage von Flaubert. Aber heute Abend? Heute Abend bin ich kläglich an der Logik einer Dreieinhalbjährigen gescheitert. Mila steckt seit etwa zwei Monaten in dieser Phase, in der jedes „Nein“ ein Lebensmotto ist. Und das Zubettgehen ist der ultimative Endgegner. Es ist wie eine Übersetzung ohne Wörterbuch – ich verstehe die Vokabeln, aber der Sinn entgleitet mir völlig.
Als Alleinerziehende ist dieser Moment, wenn das Kind nicht einschlafen will, besonders perfide. Es gibt niemanden, dem ich den Staffelstab übergeben kann. Kein „Schatz, übernimm du mal kurz, ich muss mal fünf Minuten atmen“. Es gibt nur mich, die Schatten an der Wand und das Kind, das zum vierten Mal aus dem Bett klettert, weil sein linker Socken angeblich „traurig“ guckt. Manchmal fühle ich mich wie eine Hochseilartistin, die gleichzeitig versucht, die Einkaufsliste für morgen im Kopf zu behalten und eine Deadline für den Verlag einzuhalten.
Der totale Meltdown im März
Ich erinnere mich noch genau an einen Abend Mitte März. Es war einer dieser Tage, an denen die S-Bahn Verspätung hatte, die Kita-Tasche ausgelaufen war und ich eigentlich noch zehn Seiten Text fertigmachen musste. Mila wollte partout nicht in den Schlaf finden. Sie schrie, sie trat gegen das Gitterbett, sie warf ihren geliebten Stoffhasen durch das Zimmer. Und ich? Ich habe mitgeschrien. Ich saß auf der Bettkante und habe einfach nur laut „Bitte schlaf doch einfach!“ gebrüllt, bis wir beide geweint haben.
Das war der Moment, in dem ich merkte: So geht es nicht weiter. Ich kann nicht meine einzige Kraftreserve in einen nächtlichen Machtkampf stecken. Ich habe angefangen zu recherchieren, was man in der Autonomiephase eigentlich macht, wenn man allein an der Front steht. Ich brauchte keine pädagogischen Abhandlungen, sondern etwas, das ich nachts um elf noch kapieren kann, wenn mein Gehirn nur noch aus Watte besteht.
Zuerst bin ich über das Trotzphase Videoseminar gestolpert. Das war mein erster Rettungsanker. Es ist kurz – nur knapp eine halbe Stunde –, was perfekt war, weil ich eh keine Zeit für dicke Bücher hatte. Es hat mir geholfen, überhaupt erst mal zu verstehen, dass Mila mich nicht ärgern will. Dass ihr Gehirn gerade einfach eine Baustelle ist. Es war kein Zaubermittel, aber es hat den ersten Druck rausgenommen. Wenn das Kind alles alleine machen will, ist das eben ein neurologischer Meilenstein und keine böse Absicht.
Warum Schichtdienst-Tipps für uns nicht funktionieren
Viele Ratgeber reden von „festen Routinen“ und „immer zur gleichen Zeit“. Aber ganz ehrlich? Mein Leben als Freiberufler-Mama in der Neustadt sieht selten so aus. Manchmal arbeite ich bis spät in die Nacht, wenn Mila schläft, und manchmal müssen wir morgens früher raus, weil ich einen Termin beim Verlag habe. Wenn dann noch Freundinnen aus dem Viertel vorbeikommen, die im Schichtdienst arbeiten – Krankenschwestern oder Polizistinnen –, wird mir klar: Wir brauchen Flexibilität, keine starren Pläne.
Mila spürt meine Anspannung. Wenn ich im Kopf schon beim nächsten Absatz meines Manuskripts bin, merkt sie, dass ich nicht wirklich da bin. Sie klammert mehr, sie fordert mehr, sie kämpft mehr. Es ist ein Teufelskreis. Je mehr ich den Feierabend herbeisehne, desto weiter rückt er in die Ferne. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich versuchen, eine fremde Sprache zu sprechen, für die ich die Grammatik noch nicht gelernt habe.
Die Entdeckung der Konfliktleichtigkeit
Anfang April, nach einer weiteren Woche voller Tränen und „Ich-kann-nicht-mehr“-Momenten, habe ich mich für die Konfliktleichtigkeit für Familien entschieden. Ich war erst skeptisch – GFK (Gewaltfreie Kommunikation) klang für mich immer ein bisschen nach „wir haben uns alle lieb und tanzen unseren Namen“. Aber als Übersetzerin weiß ich, wie mächtig Sprache ist. Wenn man ein Wort ändert, ändert sich die ganze Atmosphäre eines Satzes. Warum sollte das bei einem Kleinkind anders sein?
Der Kurs arbeitet stark mit dem GFK-Ansatz. Anstatt zu sagen: „Mila, leg dich jetzt hin, ich bin müde!“, versuche ich es jetzt mit Bedürfnissen. „Mila, ich brauche gerade Ruhe, damit ich morgen wieder Kraft für dich habe. Wie können wir es schaffen, dass du dich im Bett wohlfühlst?“ Okay, ich gebe zu: Am Anfang fühlte ich mich total albern. Ich-Botschaften fließen einem nicht einfach so über die Lippen, wenn man eigentlich nur schlafen will. Aber es hat etwas verändert. Nicht sofort, aber nach und nach.
Ein kleiner Dämpfer war der Preis-Upsell am Ende des Kurses auf 70 Euro für ein Zusatzmodul. Das hat mich als Alleinerziehende kurz schlucken lassen, weil ich jeden Euro dreimal umdrehe. Aber rückblickend war der Basiskurs das Geld wert, weil er mir Werkzeuge gegeben hat, die bleiben. Es geht nicht um Erziehungstricks, sondern um Verbindung. Und genau das ist es, was uns Alleinerziehenden oft fehlt: das Gefühl, in Verbindung zu bleiben, auch wenn es kracht.
Was ich tue, wenn gar nichts mehr geht
Es gibt immer noch Nächte, in denen gar nichts hilft. Letzten Dienstag zum Beispiel. Mila wollte nicht schlafen, weil sie Angst hatte, dass ihre Kuscheltiere „Hunger bekommen“. Wir haben eine Stunde lang imaginäres Picknick im Kinderzimmer gemacht. Irgendwann saß ich da, den Kopf in den Händen, und wollte nur noch weinen.
- Ehrlichkeit zulassen: Ich sage Mila mittlerweile oft: „Mama ist jetzt sehr traurig und müde. Ich habe keine Kraft mehr zum Spielen.“ Manchmal hilft es, manchmal nicht. Aber es ist besser als die unterdrückte Wut.
- Körpernähe statt Kampf: Wenn gar nichts mehr geht, lege ich mich einfach neben sie auf den Boden. Ich sage nichts mehr. Ich atme nur. Oft beruhigt sie das schneller als jedes Argument.
- Netzwerke nutzen: Ich schreibe dann meiner besten Freundin eine Nachricht. Einfach nur „Sie schläft immer noch nicht. Wein.“ Allein das Wissen, dass jemand anderes gerade das Gleiche durchmacht, hilft.
- Kleine Pausen: Wenn sie mich in den Wahnsinn treibt, gehe ich kurz für zwei Minuten aus dem Zimmer. Einmal tief durchatmen im dunklen Flur.
Es ist auch völlig okay, sich Hilfe zu suchen. Es gibt Kurse, die einem den Einstieg erleichtern. Wenn du das Gefühl hast, du brauchst einen strukturierten Weg für die nächsten Monate, ist das Elternförderprogramm eine Überlegung wert. Es ist zwar eine größere Investition, aber es deckt die gesamte Zeit von 1 bis 4 Jahren ab. Für mich war es am Anfang zu viel auf einmal, aber ich kenne Mütter hier in Dresden, denen dieser rote Faden total geholfen hat.
Ein Lichtblick am Ende des Flurs
Gestern Abend war es wieder schwierig. Aber anstatt zu schreien, habe ich die Techniken aus der Konfliktleichtigkeit genutzt. Ich habe ihr zugehört. Wirklich zugehört. Es ging gar nicht um das Kissen. Es ging darum, dass sie in der Kita einen Streit mit einem anderen Kind hatte und das noch verarbeiten musste. Wir haben darüber geredet, ganz leise im Dunkeln. Und plötzlich war sie weg. Einfach so eingeschlafen.
Dieses Gefühl, wenn der Atem des Kindes ruhig wird... das ist der Moment, in dem die ganze Anspannung des Tages von mir abfällt. Ich weiß, dass morgen der nächste Kampf kommen kann. Vielleicht will sie wieder nicht in den Kindersitz oder die Haare waschen wird zum Drama. Aber für heute habe ich es geschafft.
Ich werde jetzt den Rest meines kalten Tees trinken und mich noch eine Stunde an den Flaubert setzen. Falls du gerade auch an deiner Heizung lehnst: Du bist nicht allein. Wir sind viele, die nachts im Flur sitzen und auf lila Gummistiefel starren. Wenn du merkst, dass du tiefergehende Unterstützung brauchst, scheu dich nicht, zu pro familia oder anderen Beratungsstellen zu gehen. Wir müssen das nicht alles ganz allein schaffen.
Vielleicht hilft dir der GFK-Ansatz genauso wie mir, um die Abende ein bisschen friedlicher zu gestalten. Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon – und manchmal stolpert man eben über einen Spielzeuglaster. Aber wir stehen wieder auf. Gute Nacht, oder frohes Schaffen, was auch immer bei dir gerade ansteht.