
Es ist Sonntagabend in der Dresdner Neustadt. Mila schläft endlich – nach einer dreiviertelstündigen Debatte darüber, ob man im Schlafanzug auch Gummistiefel tragen kann. Ich sitze am Küchentisch, trinke den restlichen, kalten Earl Grey und starre auf eine klebrige Stelle auf meinem Manuskript. Da hat wohl jemand einen klebrigen Gummibären-Abdruck genau über einer komplizierten Passage eines französischen Romans hinterlassen, den ich bis Freitag fertig übersetzt haben muss.
Hinweis: In diesem Text teile ich meine persönlichen Erfahrungen und verlinke auf Kurse, die mir in den letzten Monaten den Kopf gerettet haben. Wenn du über diese Affiliate-Links etwas kaufst, erhalte ich eine Provision. Für dich ändert sich am Preis absolut nichts. Ich empfehle nur Dinge, die ich selbst ausprobiert habe, während ich versucht habe, nicht wahnsinnig zu werden. Meine vollständige Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite.
Mila ist jetzt drei Jahre und sieben Monate alt. Seit Ende April stecken wir mittendrin. In dieser Phase, in der jedes „Nein!“ wie eine kleine Explosion wirkt. Letzte Woche standen wir im Supermarkt, eigentlich wollte ich nur schnell Äpfel kaufen. Aber es waren die falschen Äpfel. Nicht die roten, die sie gestern mochte, sondern... nun ja, eigentlich waren sie identisch, aber in ihrer Welt waren sie falsch. Das Ergebnis? Mila lag flach auf dem Boden, die Neonröhren spiegelten sich in ihren Tränen und ich starrte auf die Tiefkühltruhen und fragte mich, wann ich eigentlich das letzte Mal geatmet habe.
Wenn die Geduld einfach weg ist
Ich bin Literaturübersetzerin. Ich kann 400 Seiten komplexe französische Prosa entwirren, Nuancen von Sehnsucht und Melancholie in deutsche Sätze gießen, aber ich schaffe es oft nicht, ein Kind davon zu überzeugen, dass Socken im Winter keine Folterinstrumente sind. Dieses Gefühl, wenn die Geduld reißt, ist bei mir körperlich. Es ist ein ganz spezifisches, scharfes Zusammenziehen in meinem Solarplexus, genau in dem Moment, in dem ich das tiefe Lufteinholen höre, das den nächsten Wutanfall ankündigt.
An einem regnerischen Dienstagnachmittag vor etwa drei Wochen passierte es dann wieder. Wir wollten zur Kita, ich hatte einen Abgabetermin im Nacken, und Mila weigerte sich, die Schuhe anzuziehen. Ich versuchte es erst mit meiner „sanften Mutterstimme“, während ich innerlich bereits vor Wut vibrierte. Irgendwann kippte es. Ich schnauzte: „Dann geh halt ohne Schuhe!“ und knallte die Wohnungstür zu (natürlich blieben wir drinnen, aber die Geste war da). Wir haben beide geweint. Ich auf dem Flurboden, sie auf der untersten Stufe der Treppe.
Warum es als Alleinerziehende anders wehtut
Das Problem ist: Es gibt niemanden, dem ich die Übergabe machen kann. Wenn ich merke, dass mein Geduldsfaden nur noch ein hauchdünner Zwirn ist, kann ich nicht sagen: „Schatz, übernimm mal kurz, ich muss eine Runde um den Block.“ In der Dresdner Neustadt sind die Wohnungen hellhörig, und ich habe oft das Gefühl, das ganze Haus hört mein Versagen. Wenn man allein ist, gibt es keinen Puffer. Man ist die Brandung, der Fels und das sinkende Schiff gleichzeitig.
Ich habe in dieser Zeit viel gelesen über die Autonomiephase. Es ist ja eigentlich ein gutes Zeichen, dass sie einen eigenen Willen entwickelt. Aber theoretisches Wissen hilft wenig, wenn man gerade versucht, ein schreiendes Kind in die S-Bahn zu hieven. Ich fühlte mich oft wie in einem Wald ohne Karte, oder wie beim Übersetzen ohne Wörterbuch – ich kannte die Worte, aber der Sinn fehlte mir völlig.
In meiner Verzweiflung kaufte ich Mitte Mai zuerst das Trotzphase Videoseminar. Es dauert nur 28 Minuten, was perfekt war, weil ich das genau zwischen zwei Schlafphasen von Mila schauen konnte. Es war ein guter erster Schritt, um überhaupt zu verstehen, was in ihrem kleinen Kopf vorgeht. Es hat sich seit über acht Jahren bewährt, aber für meine tiefergehende Frustration reichte die reine Übersicht nicht ganz aus. Ich suchte nach etwas, das mir Werkzeuge für die Kommunikation gibt, die ich als „Wortmensch“ auch wirklich anwenden kann.
Der Wechsel der Perspektive: GFK im Alltag
Irgendwann stieß ich auf das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Als Übersetzerin klickte es bei mir sofort: GFK ist im Grunde eine Übersetzungshilfe. Man übersetzt das „Nein!“ des Kindes in ein Bedürfnis. Das klingt in pädagogischen Ratgebern immer so leicht, ist aber verdammt harte Arbeit, wenn man müde ist.
Ich habe angefangen, mich intensiver mit der Methode von Konfliktleichtigkeit für Familien zu beschäftigen. Was mir daran gefällt: Das Programm gibt es schon seit zehn Jahren. Es ist kein flüchtiger Trend, sondern ein fundierter Ansatz, der Sprache als Werkzeug nutzt. Da ich ohnehin den ganzen Tag mit Worten arbeite, fühlte sich das natürlicher an als irgendwelche Belohnungssysteme. Wer mehr darüber wissen will, wie man aus der Spirale aussteigen kann, findet hier Hilfe: Konfliktleichtigkeit für Familien [Methode die bei mir geblieben ist].
Es geht nicht darum, dass Mila plötzlich immer „Ja“ sagt. Gott bewahre, sie soll ja eine starke Frau werden. Es geht darum, dass ich nicht mehr sofort in diesen Kampfmodus schalte. Wenn sie jetzt im Flur steht und die Schuhe verweigert, versuche ich kurz innezuhalten. Ich merke, wie mein Solarplexus eng wird, und statt zu schreien, versuche ich zu benennen, was gerade los ist. „Du willst gerade bestimmen, was du anziehst, oder?“ Manchmal hilft es, manchmal nicht. Aber es hilft mir, ruhig zu bleiben.
Kleine Schritte statt großer Wunder
Es gibt Tage, da klappt gar nichts. Da ist der Tee kalt, die Übersetzung stockt und Mila hat einen Wutanfall, weil die Nudeln die falsche Form haben. Aber ich lerne, diese Momente als das zu sehen, was sie sind: Wellen. Sie kommen, sie türmen sich auf, und sie fließen wieder ab. Für alle, die ganz am Anfang stehen und eine strukturierte Begleitung brauchen, gibt es auch das Elternförderprogramm. Es ist seit etwa 1,6 Jahren auf dem Markt und deckt die gesamte Zeit von eins bis vier Jahren ab. Für mich als Alleinerziehende war es eine Investition, aber eine, die Struktur in mein Chaos gebracht hat.
- Akzeptieren, dass man auch mal scheitert.
- Atmen, bevor man antwortet (klingt banal, ist lebensrettend).
- Sich klarmachen: Es ist kein persönlicher Angriff gegen mich.
Ein wichtiger Teil meiner neuen „Ruhig-bleiben-Strategie“ ist auch die Geduld in der Trotzphase zu bewahren, indem ich meine eigenen Erwartungen herunterschraube. Wenn wir zehn Minuten zu spät kommen, dann ist das eben so. Die Welt geht in der Dresdner Neustadt nicht unter, wenn wir eine Straßenbahn später nehmen.
Was ich heute anders mache
Wenn ich heute merke, dass ich kurz davor bin, die Beherrschung zu verlieren, versuche ich das zu tun, was ich beim Übersetzen mache, wenn ein Satz nicht passt: Ich trete einen Schritt zurück. Ich schaue mir das „Original“ (Milas Verhalten) an und suche nach einer neuen Interpretation. Oft ist unter dem Zorn einfach nur Müdigkeit oder der Wunsch nach Verbindung – bei uns beiden.
Wir haben auch angefangen, nach schwierigen Situationen darüber zu sprechen, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist. Ich sage ihr dann, dass ich auch mal wütend bin und dass das okay ist, aber dass ich nicht schreien wollte. Das gehört für mich zur Harmonie finden dazu – die Reparatur nach dem Bruch. Und wenn gar nichts mehr geht, werfen wir einen Blick in mein Glossar der Trotzphasen-Begriffe, um uns daran zu erinnern, dass Co-Regulation kein Mythos ist, sondern Arbeit.
Jetzt ist es fast elf. Der Tee ist wirklich eiskalt, und ich habe noch drei Seiten Text vor mir. Aber der Druck im Bauch ist weg. Morgen früh wird es sicher wieder eine Debatte geben – vielleicht über den gelben Becher, vielleicht über die Haarspange. Aber ich weiß jetzt, dass ich Werkzeuge habe, die funktionieren, auch wenn ich sie manchmal im Eifer des Gefechts erst suchen muss. Wenn du dich auch oft so fühlst, schau dir die Konfliktleichtigkeit-Methode mal an. Es ist kein Zauberstab, aber es ist ein verdammt gutes Wörterbuch für die Sprache unserer Kinder.
Gute Nacht aus der Neustadt.