
Ich sitze hier, Sonntagabend, und starre auf den Rest meines Tees, der inzwischen die Temperatur eines vergessenen Badewassers erreicht hat. Mila schläft endlich. Draußen in der Dresdner Neustadt ziehen die Stimmen der Leute vorbei, die wahrscheinlich gerade ein entspanntes Bier trinken, während ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. Diese Woche war... intensiv. Wenn man es nett ausdrücken will. Wenn man es ehrlich ausdrücken will: Ich bin durch.
Es fing alles letztes Wochenende beim Wocheneinkauf an. Kennst du das, wenn du eigentlich nur schnell Penne und ein bisschen Obst holen willst und plötzlich die Welt untergeht? Mila lag zwischen den Nudelregalen beim Konsum – alle Viere von sich gestreckt, die Wangen so rot wie die Bio-Tomaten im Korb. Der Auslöser? Ich hatte die falsche Packung Penne gegriffen. Die blauen, nicht die gelben. Ein klassischer Anfängerfehler meinerseits, offensichtlich. In diesem Moment, während ich die Blicke der anderen Kunden im Nacken spürte – diese Mischung aus Mitleid und 'Gott sei Dank ist das nicht mein Kind' –, fragte ich mich zum hundertsten Mal: Wo nimmt eine Dreijährige diese Lungenkraft her?
Mila ist jetzt 43 Monate alt. Seit etwa zwei Monaten stecken wir mitten in dieser Phase, in der alles ein Nein ist. Ein großes, fettes, unumstößliches Nein. Die Entwicklungspsychologie nennt das so schön Autonomiephase, was klingt wie ein spannendes politisches Projekt, sich in der Realität aber eher anfühlt wie ein permanenter Verhandlungskampf ohne Schiedsrichter. Früher nannte man es einfach Trotzphase, und ehrlich gesagt trifft es das manchmal besser – auch wenn ich weiß, wie wichtig dieser Schritt für sie ist.
Zwischen französischen Adjektiven und dem großen Nein
Als freiberufliche Literaturübersetzerin arbeite ich meistens von zu Hause aus. Mein Schreibtisch steht in der Ecke des Wohnzimmers, und oft versuche ich, die Nuancen eines französischen Romans einzufangen, während Mila neben mir ihre Duplo-Steine sortiert. Oder sie eben nicht sortiert, sondern sie durch das Zimmer pfeffert, weil der rote Stein nicht auf den grünen passt. Gestern erst saß ich an einer besonders kniffligen Passage – es ging um die Beschreibung eines nebligen Morgens in der Bretagne –, und ich spürte dieses klebrige Gefühl von getrocknetem Apfelsaft auf meiner Tastatur. Mila hatte wohl versucht, mir beim 'Schreiben' zu helfen.
In solchen Momenten schießt mir dieser verzweifelte Gedanke durch den Kopf: Bitte nicht jetzt. Wenn ich das erste warnende Grollen aus dem Kinderzimmer höre, während ich gerade im Schreibfluss bin, zieht sich bei mir alles zusammen. Ich weiß, dass meine Geduld oft schon vor dem Frühstück aufgebraucht ist, weil die Nacht kurz war und die S-Bahn am Morgen Verspätung hatte und die Kita-Bring-Situation wieder einmal eine Grundsatzdebatte über die Farbe der Socken war.
Man liest ja überall diese Tipps: 'Bleiben Sie ruhig. Atmen Sie tief durch. Seien Sie der Fels in der Brandung.' Aber wie soll man ein Fels sein, wenn man sich eher wie ein Keks fühlt, der zu lange in den Tee getunkt wurde und kurz davor ist, auseinanderzubrechen? Ich habe lange versucht, diese perfekte, pädagogisch wertvolle Fassade aufrechtzuerhalten. Ich habe meine Frustration unterdrückt, ein starres Lächeln aufgesetzt und mit einer Stimme gesprochen, die so sanft war, dass sie fast schon gruselig klang. Und weißt du was? Es hat alles nur schlimmer gemacht.
Die Lüge der erzwungenen Ruhe
Ich habe gemerkt, dass Mila meine unterdrückte Wut spürt. Unsere Kinder haben diese unglaublichen Antennen. Die Wissenschaft spricht von Spiegelneuronen, die dafür sorgen, dass sich meine innere Unruhe direkt auf sie überträgt. Wenn ich so tue, als wäre ich tiefenentspannt, während ich innerlich eigentlich nur schreien will, entsteht eine Dissonanz, die sie völlig verunsichert. Sie merkt, dass etwas nicht stimmt, und reagiert mit noch mehr Frustration.
Die ständige Aufforderung zur Geduld kann uns Eltern tatsächlich schaden. Wir glauben, wir müssten eine Maschine sein, die jeden Wutanfall emotionslos wegmoderiert. Aber echtes Mitgefühl statt einer unterdrückten Frustration ist für das Kind viel wertvoller als diese erzwungene Fassade der Ruhe. Es ist okay, wenn Mila sieht, dass mich die Situation auch anstrengt. Nicht, um ihr die Schuld zu geben, sondern um authentisch zu bleiben.
Was mir wirklich hilft (wenn ich mich daran erinnere)
Nach etwa acht Wochen Dauerfeuer in dieser Phase habe ich ein paar Dinge gelernt, die den Alltag ein kleines bisschen leichter machen. Nicht immer, aber oft genug, um nicht jeden Abend zu weinen. Ein großer Wendepunkt war ein regnerischer Dienstagnachmittag vor ein paar Wochen. Mila wollte ihre Gummistiefel nicht anziehen. Sie wollte barfuß in den Regen. Ich war kurz davor, den nächsten großen Vortrag über Erkältungen und nasse Füße zu halten, als ich stattdessen einfach nur neben ihr auf den Flurboden sank.
Ich habe nichts gesagt. Ich habe sie nicht überzeugt. Ich habe einfach nur gewartet. Und plötzlich war der Druck raus. Hier sind meine drei 'Überlebensstrategien' für die Dresdner Neustadt-Mamas (und alle anderen):
- Die Fünf-Sekunden-Pause: Bevor ich reagiere, wenn sie sich im Supermarkt auf den Boden wirft, zähle ich innerlich bis fünf. In diesen fünf Sekunden entscheide ich: Reagiere ich jetzt aus meinem Stress heraus oder kann ich kurz sehen, dass sie gerade einfach völlig überfordert ist? Es ist der Unterschied zwischen Mit-Schreien und Mit-Fühlen.
- Gefühle spiegeln, nicht wegdiskutieren: Statt zu sagen 'Ist doch nicht schlimm, dass die Nudeln blau sind', sage ich jetzt oft: 'Du bist gerade richtig sauer, weil die Packung anders aussieht, oder? Das ärgert dich total.' Meistens reicht das schon, damit sie tief durchatmet. Sie will nicht die richtigen Nudeln, sie will verstanden werden.
- Die 'Egal-Liste' erweitern: Manche Kämpfe lohnen sich einfach nicht. Wenn sie im Juni mit Winterstiefeln in den Kindergarten will? Fein. Wenn sie das Abendessen nur mit dem Löffel von der Puppe essen will? Von mir aus. Ich spare mir meine Energie für die Dinge auf, die wirklich wichtig sind (wie zum Beispiel nicht auf die Straße zu rennen).
Letztes Wochenende beim Wocheneinkauf – du weißt schon, der Moment, über den ich neulich schrieb, als Mila im Laden alles kaufen wollte – habe ich gemerkt, dass diese Gelassenheit ein Muskel ist. Er wird täglich trainiert, aber er wird auch müde. Und das ist okay.
Der Moment, in dem es nicht geklappt hat
Ich will hier nicht so tun, als hätte ich jetzt den Dreh raus. Letzten Dienstag war so ein Tag, an dem gar nichts ging. Ich hatte eine Deadline für ein Kapitel, mein Kopf war voll mit französischen Verben, und Mila wollte zum zehnten Mal, dass ich ihr beim Turmbauen helfe. Als der Turm zum elften Mal umkippte und sie anfing zu kreischen, bin ich laut geworden. Ich habe sie angemeckert, dass sie doch mal fünf Minuten alleine spielen soll. Sie hat geweint, ich habe geweint, und am Ende saßen wir beide auf dem Teppich und haben uns gegenseitig die Tränen abgewischt.
Solche Momente gehören dazu. Die Autonomiephase dauert laut Experten oft 2 bis 3 Jahre – wir haben also noch ein bisschen Zeit vor uns. Es ist kein Sprint, es ist ein verdammt langer Marathon durch ein Minenfeld aus falsch geschnittenem Brot und falschen Socken. Nachmittage nach der Kita sind oft das Endgegner-Level, wie ich schon in meinem Post über den Wutanfall nach der Kita beschrieben habe.
Muttersein ist manchmal wie das Übersetzen eines Romans, für den es kein Wörterbuch gibt. Man rät sich von Seite zu Seite, macht Fehler, korrigiert sie wieder und hofft am Ende, dass die Geschichte irgendwie Sinn ergibt. Geduld ist kein Dauerzustand, sondern die Entscheidung, es nach jedem Ausraster wieder neu zu versuchen. Morgen früh fängt das Training wieder an. Wahrscheinlich beim Zähneputzen.
Aber jetzt trinke ich erst mal meinen kalten Tee aus und schaue mir das Foto von Mila an, wie sie heute Nachmittag friedlich auf der Wiese im Alaunpark lag. In diesen Momenten vergesse ich fast, dass sie mich vor drei Stunden noch an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Fast.