
Letzte Woche an einem schwülen Dienstagnachmittag, direkt nach der Abholzeit, ist es wieder passiert. Mila lag flach auf dem Gehweg der Louisenstraße, die Arme weit von sich gestreckt, das Gesicht im Staub, weil ein Kieselstein 'falsch' aussah. Während die Leute aus den Straßencafés zwischen ihren Aperol Spritz und den Laptops zu uns herüberschielten, stand ich da – mit einer Kita-Tasche über der Schulter und dem klebrigen Gefühl von geschmolzenem Fruchtgummi in meiner Jackentasche, das ich spürte, während ich versuchte, Mila sanft vom Asphalt aufzuheben. Ich frage mich in solchen Momenten oft, ob die Leute denken, ich sei eine geduldige Heilige oder einfach nur völlig am Ende meiner Kräfte. Spoiler: Es ist meistens Letzteres.
Dieser Juni macht mich fertig. Seit dem frühen Frühling, also seit etwa drei Monaten, stecken wir nun schon in dieser Phase, in der jedes 'Nein' wie eine kleine Explosion wirkt. Den Vormittag verbringe ich in der Stille meiner Wohnung in der Neustadt und wiege französische Adjektive ab – eine Normseite in der Literaturübersetzung hat genau 30 Zeilen, und jede einzelne davon verlangt Präzision und Ruhe. Dann schlage ich das Wörterbuch zu, hole Mila ab, und plötzlich gibt es keine Grammatik mehr, keine Logik, nur noch pures, ungefiltertes Gefühl.
Das Rätsel des Kita-Engels: Warum die Explosion bei uns passiert
Ich habe neulich mit einer der Erzieherinnen gesprochen. Sie meinte, Mila sei dort den ganzen Tag über kooperativ, fast schon ein kleiner Engel. Und kaum treten wir durch die Tür nach draußen, bricht die Welt zusammen. Es hat einen Namen, dieses Phänomen: Restraint Collapse. Die Kinder strengen sich den ganzen Tag so sehr an, sich an Regeln zu halten, zu teilen und in der Gruppe zu funktionieren, dass sie bei der engsten Bezugsperson – also bei mir – einfach alles loslassen müssen. Es ist eigentlich ein Kompliment, weil sie sich bei mir sicher genug fühlt, um völlig durchzudrehen. Aber ganz ehrlich? Um 16 Uhr nach einem langen Arbeitstag fühlt sich dieses Kompliment eher an wie ein Frontalzusammenstoß.
Die Autonomiephase, die ja meistens die gesamte Altersspanne von 2 bis 4 Jahren umfasst, ist kognitiv betrachtet ein Riesenschritt. Mila lernt gerade, dass sie ein eigenes 'Ich' hat, das Dinge anders wollen kann als ich. Mit ihren 3 Jahren und 7 Monaten ist sie quasi eine kleine Philosophin des Widerstands. In meinem Tagebuch habe ich oft darüber gegrübelt, wie lange diese Phase eigentlich wirklich dauert, und die Antwort ist meistens: länger als meine Nerven reichen.
Wenn die Strategien versagen: Mein persönlicher Tiefpunkt
Mitte Mai hatte ich so einen Moment, den ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen würde. Wir standen im Flur, ein Schuh war an, der andere sollte laut Mila 'schlafen'. Ich hatte noch eine Deadline für ein Kapitel im Kopf, war müde und wollte einfach nur, dass wir endlich hoch in die Wohnung kommen. Ich habe angefangen zu debattieren. Ich habe logische Argumente geliefert, warum Schuhe nicht schlafen können. Mila hat geschrien, ich habe lauter gesprochen, sie hat getreten, und am Ende habe ich sie fast schon wütend die Treppen hochgezerrt, während wir beide geweint haben. In diesem Moment war ich keine Übersetzerin, keine liebevolle Mama, ich war einfach nur ein Mensch am Limit.
Was ich daraus gelernt habe? Logik ist in der Trotzphase völlig nutzlos. Es ist, als würde man versuchen, einen französischen Roman ohne Vokabeln zu übersetzen. Man versteht zwar, dass da Buchstaben stehen, aber der Sinn kommt einfach nicht an. Wenn das Kind im emotionalen Ausnahmezustand ist, ist das Gehirn für Argumente wie 'wir müssen aber jetzt kochen' schlichtweg geschlossen.
Der Weg zur Konfliktleichtigkeit: Erst ich, dann sie
Hier kommt der Punkt, der für uns Alleinerziehende so verdammt schwer ist. Überall liest man von Co-Regulation und davon, wie wichtig es ist, das Kind ruhig zu begleiten. Aber wie soll man jemanden beruhigen, wenn man selbst innerlich kurz vor der Kernschmelze steht? Ich habe für mich eine ganz eigene Strategie entwickelt, die ich unter dem Begriff Konfliktleichtigkeit verbuche – auch wenn es sich anfangs gar nicht leicht anfühlt.
Mein Ansatz ist heute: Statt den Wutanfall sofort 'lösen' oder begleiten zu wollen, brauche ich oft zuerst einen winzigen Rückzugsort für mich selbst. Wenn Mila sich im Flur auf den Boden wirft, setze ich mich manchmal einfach einen Meter daneben an die Wand. Ich atme. Ich sage mir: 'Das ist kein Notfall. Es ist nur ein Gefühl.' Ich versuche, die emotionale Distanz zu finden, bevor ich versuche, sie in den Arm zu nehmen. Erst wenn ich nicht mehr das Bedürfnis habe, gegen ihre Wut anzukämpfen, kann ich ihr die Stabilität geben, die sie braucht. Es ist wie beim Fliegen: Erst die eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, dann dem Kind helfen.
Praktische Tipps für den Nachmittags-Wahnsinn
Es gibt ein paar kleine Dinge, die unseren Alltag seit Ende April ein bisschen erträglicher gemacht haben. Vielleicht helfen sie dir auch, wenn du gerade zwischen S-Bahn-Stress und Trotz-Drama feststeckst:
- Die Übergangs-Snack-Box: Hunger ist der größte Feind der Regulation. Ich habe jetzt immer eine kleine Box mit Apfelschnitzen dabei, die ich ihr schon im Buggy oder direkt nach dem Rausgehen aus der Kita in die Hand drücke.
- Weniger Worte, mehr Präsenz: Wenn sie explodiert, höre ich auf zu reden. Ich bin einfach da. Wenn sie körperliche Nähe zulässt, halte ich sie. Wenn nicht, bleibe ich in Sichtweite.
- Der Vor-der-Tür-Moment: Bevor wir die Wohnung betreten, atme ich einmal tief durch. Ich lasse die Arbeit im Kopf (die Adjektive, die Deadlines) draußen.
Manchmal klappt das wunderbar. Manchmal gar nicht. Und das ist okay. Ich habe neulich erst darüber geschrieben, wie ich mit ungefragten Erziehungstipps von Passanten umgehe, denn die sind in der Dresdner Neustadt leider inklusive, wenn das Kind auf dem Gehweg protestiert. Aber am Ende zählt nur, wie wir beide – Mila und ich – aus der Situation herauskommen.
Sonntagabend-Reflexion: Der Ton macht die Musik
Jetzt sitze ich hier, Mila schläft endlich, und ich trinke die Resthälfte von meinem kalten Tee aus. Wenn ich über das Muttersein nachdenke, sehe ich oft Parallelen zu meiner Arbeit. Eine gute Übersetzung ist nicht die, die jedes Wort eins zu eins wiedergibt, sondern die, die den Ton und das Gefühl des Originals trifft. In der Erziehung ist es ähnlich. Manchmal muss man den Ton ändern, die eigene Lautstärke senken oder einfach mal schweigend daneben sitzen, damit der eigentliche Sinn – die Verbindung zum Kind – erhalten bleibt.
Wir werden noch viele Nachmittage auf dem Asphalt der Louisenstraße verbringen, da bin ich mir sicher. Die Trotzphase ist ein Marathon, kein Sprint. Aber solange wir beide danach wieder zusammen auf dem Sofa sitzen und ein Buch anschauen (vielleicht eines ohne Kieselsteine), haben wir den Tag irgendwie gewonnen. Falls du also auch gerade eine Dreijährige vom Supermarktboden aufkratzt: Du bist nicht allein. Atme tief durch. Der Tee ist zwar kalt, aber er schmeckt immer noch nach Feierabend.