
Mila liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem klebrigen Boden im Supermarkt, die Arme weit von sich gestreckt, weil das Schokoladenei nicht im Wagen gelandet ist. Es ist Ende Maerz, draussen regnet es diesen fiesen Dresdner Nieselregen, und hinter mir raunt eine aeltere Dame laut genug, damit es auch die Kassiererin hoert: "Also bei uns haette es das frueher nicht gegeben, da fehlt einfach die Disziplin."
Ich spuere dieses scharfe, heisse Prickeln in meinem Nacken, das immer dann auftaucht, wenn Fremde einen Satz mit "In meiner Zeit haben wir noch..." beginnen. Ich bin 34, uebersetze hauptberuflich franzoesische Romane und versuche gerade nur, ein Kind von drei Jahren und sieben Monaten irgendwie unfallfrei nach Hause zu bringen, waehrend meine eigene Geduld an einem seidenen Faden haengt.
Bevor ich euch erzaehle, wie ich aus dieser Nummer wieder rausgekommen bin: Ein kleiner Hinweis. In diesem Text stecken Affiliate-Links. Wenn du darueber etwas kaufst, bekomme ich eine Provision, ohne dass es fuer dich teurer wird. Ich empfehle hier nur Dinge, die ich nach langen Naechten am Laptop selbst ausprobiert habe, um nicht wahnsinnig zu werden. Meine komplette Offenlegung findest du auf der Ueber-mich-Seite.
Das Vokabular der Verweigerung
Mein Alltag in der Dresden-Neustadt sieht momentan so aus: Ich sitze bis Mitternacht am Schreibtisch, das bläuliche Licht meines Laptops spiegelt sich in meinem Gesicht, waehrend ich versuche, die perfekte deutsche Entsprechung fuer eine Szene in einem Pariser Sommer zu finden. Der Geruch von abgestandenem Pfefferminztee liegt in der Luft. Und am naechsten Morgen werde ich von einem lautstarken "Nein!" geweckt, weil die Socken die falsche Farbe haben.
Es ist paradox. Beruflich jongliere ich mit Nuancen der Sprache, aber zu Hause ist Milas Wortschatz in den letzten zwei Monaten auf ein einziges, sehr lautes Wort geschrumpft. Jeder Schuh im Flur wird zur Grundsatzdebatte. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Nachbarn denken, ich wuerde hier einen kleinen, sehr lautstarken Zoo betreiben, anstatt ein Uebersetzungsbuero.
Als Alleinerziehende trifft mich dieser Druck doppelt. Es gibt keinen Partner, dem ich den "Bad Cop"-Part zuschieben kann, wenn ich im Supermarkt kurz vor dem Weinen stehe. Die Blicke der anderen sind wie kleine Nadelstiche, die mir sagen: Du hast dein Kind nicht im Griff. Aber wisst ihr was? Grenzen setzen hat nichts mit Griff zu tun, sondern mit Halt.
Der Versuch mit der Stoppuhr (und warum er scheiterte)
In einer besonders verzweifelten Nacht Anfang Mai habe ich in einem Elternforum von der "strengen Countdown-Methode" gelesen. Drei Warnungen, dann Konsequenz. Ich dachte, das waere die Loesung fuer unsere morgendlichen Anziehkrisen. Also stand ich da, zaehlte mit fester Stimme von drei runter, weil Mila den Schuh nicht anziehen wollte.
Das Ergebnis? Mila hat den Schuh mit einer Praezision, die mich fast stolz gemacht haette, gegen den Heizkoerper gepfeffert. Danach habe ich mich fuer fuenf Minuten im Bad eingeschlossen, nur um tief durchzuatmen, waehrend sie gegen die Tuer trommelte. Diese Art von Härte funktioniert bei uns einfach nicht. Es fuehlt sich an, als wuerde ich einen Text ohne Grammatik uebersetzen wollen – es ergibt keinen Sinn fuer sie.
Kurz darauf kaufte ich mir das Trotzphase Videoseminar. Mit nur 28 Minuten Dauer ist es perfekt fuer eine meiner kurzen Pausen, wenn Mila mal mittags schlaeft. Das Seminar ist mittlerweile 8.7 Jahre alt und hat sich bewaehrt, um erst einmal zu verstehen, was im Gehirn eines Dreijaehrigen eigentlich passiert. Es war ein guter erster Schritt, um wegzukommen von diesem "sie will mich provozieren"-Gedanken.
Wenn Sprache zur Bruecke wird
Nach etwa drei Wochen des Herumprobierens bin ich bei der Konfliktleichtigkeit gelandet. Das ist kein starres Erziehungsprogramm, sondern arbeitet mit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK). Die Methode gibt es schon seit 10 Jahren, und fuer mich als Sprachmensch war das der Wendepunkt. Anstatt gegen Milas Willen zu kaempfen, lerne ich, ihre Beduerfnisse zu uebersetzen.
Es klingt am Anfang total clunky und unnatuerlich, wenn man ploetzlich mit Ich-Botschaften anfaengt. "Mila, ich sehe, dass du gerade richtig sauer bist, weil du das Ei nicht haben darfst. Ich moechte aber, dass wir jetzt bezahlen, damit wir noch Zeit zum Spielen haben." In der Neustadt-S-Bahn schauen mich die Leute manchmal an, als haette ich zu viel franzoesische Lyrik gelesen. Aber es funktioniert oft besser als jedes Drohen.
Ich merke, wie wichtig es ist, das Kind in der Autonomiephase zu begleiten, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Es geht nicht darum, den Konflikt zu vermeiden, sondern ihn auszuhalten, ohne dass die Welt untergeht.
Die Kunst, ruhig zu bleiben (auch wenn der Tee kalt ist)
Letzten Mittwoch hatten wir wieder so einen Moment. Es war spaeter Nachmittag, wir kamen von der Kita, und Mila wollte unbedingt noch mal auf den Spielplatz, obwohl es schon fast dunkel wurde. Als ich Nein sagte, warf sie sich auf den Gehweg. Diesmal kam kein Kommentar von Passanten, aber dieses Gefuehl der totalen Erschoepfung war da.
Anstatt zu schreien oder sie einfach hochzureissen, habe ich mich daneben gesetzt. Einfach gewartet. Ich habe an die vier Schritte der GFK gedacht: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Ich war muede, sie war muede. Wir sassen da sicher fuenf Minuten auf dem kalten Asphalt der Alaunstrasse.
Das ist die Realitaet als Alleinerziehende: Man muss die Ruhe fuer zwei bewahren. Die Konfliktleichtigkeit für Familien hat mir geholfen zu verstehen, dass meine Grenze nicht Milas Feind ist. Sie ist der Rahmen, in dem sie sich sicher fuehlen kann, auch wenn sie lautstark dagegen protestiert.
Es klappt nicht immer. Manchmal bin ich einfach zu durch, um empathisch zu sein. Aber diese Momente, in denen ich nicht mitbruelle, sondern einfach nur da bleibe, sind die kleinen Siege. Es ist wie eine schwierige Passage in einem Manuskript – man muss sie manchmal zehnmal lesen und umformulieren, bis sie sitzt.
Mein Sonntagabend-Fazit
Jetzt ist es Sonntagabend, Ende Mai. Mila schlaeft endlich, ihr Atem ist ruhig und regelmaessig, ganz im Gegensatz zu dem Gewitter, das sie heute Nachmittag wegen einer Banane veranstaltet hat. Ich trinke die Resthaelfte von meinem kalten Tee und starre auf das Notebook. Das Leben als alleinerziehende Mama in Dresden ist oft ein einziges Chaos aus Fristarbeiten und Wutanfaellen.
Ungefragte Tipps von Fremden wird es immer geben. Aber ich lerne langsam, dass ich niemandem Rechenschaft schuldig bin, ausser Mila und mir selbst. Wenn ihr auch gerade in dieser Phase steckt, wo jeder Schuh ein Schlachtfeld ist: Ihr seid nicht allein. Manchmal hilft es schon, sich ein bisschen Unterstuetzung zu holen, sei es durch das kurze Trotzphase Videoseminar fuer den schnellen Durchblick oder den tieferen Weg der Konfliktleichtigkeit.
Es wird besser. Hoffe ich zumindest. Und bis dahin uebersetze ich weiter – Romane am Abend und Kleinkind-Gefuehle am Tag. Falls ihr aehnliche Erfahrungen gemacht habt, schreibt mir. Oder trinkt einfach euren kalten Tee auf mein Wohl. Wir schaffen das.