
Ich sitze hier gerade in der Küche, den Blick auf den kalten Rest meines Earl Greys gerichtet, und meine Finger fühlen sich immer noch ein bisschen zittrig an. Es ist Sonntagabend in der Dresdner Neustadt, Mila schläft endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit aus 'Ich will aber noch nicht!' und 'Wo ist mein blauer Socken?!' – und ich versuche, den heutigen Tag zu verdauen. Oder eigentlich die ganze letzte Woche. Wenn man wie ich freiberuflich französische Romane übersetzt, gewöhnt man sich an Nuancen, an die feinen Unterschiede zwischen Sehnsucht und Melancholie. Aber für das, was an einem schwülen Dienstagnachmittag in der DVB Straßenbahnlinie 13 passierte, gibt es im Französischen kein Wort, das schrecklich genug wäre.
Es war einer dieser Tage, an denen alles schon am Vormittag schiefging. Die Abgabefrist für das aktuelle Kapitel rückte näher, Mila war in der Kita schon quengelig, und die Luft stand dick und gelb über der Alaunstraße. Wir wollten nur nach Hause. Nur drei Stationen. Aber Mila, die mit ihren 43 Monaten gerade beschlossen hat, dass die Welt nach ihren ganz eigenen physikalischen Gesetzen funktioniert, wollte unbedingt den Entwerter-Knopf drücken. Alleine. Das Problem: Ein sehr eiliger Geschäftsmann war schneller. Und in diesem Moment passierte es. Das Universum kollabierte mitten in der Linie 13 Richtung Mickten.
Der Moment, in dem die Welt stehen bleibt (und alle starren)
Mila warf sich nicht einfach nur hin. Sie wurde eins mit dem Boden der Straßenbahn. Dieses Geräusch, wenn ein Kinderrücken auf den Linoleumboden knallt, gefolgt von einem Schrei, der die Fensterscheiben vibrieren lässt – es ist unbeschreiblich. Das vertraute, heiße Stechen im Nacken, wenn die Tram-Türen schließen und das erste Kreischen die Stille der pendelnden Fahrgäste zerschneidet, schoss sofort in meinen Kopf. Ich stand da, den Buggy in der einen Hand, den Einkaufsbeutel in der anderen, und fühlte mich wie die schlechteste Mutter der Welt. Die Blicke der anderen Fahrgäste brennen auf der Haut wie die Julisonne durch die Scheibe.
Ich habe alles versucht. Zuerst das ruhige Einreden ('Mila, Schatz, wir drücken beim nächsten Mal...'), dann das Bestechen mit einem Dinkelkeks (völlig ignoriert), schließlich das verzweifelte Zischen ('Mila, hör jetzt bitte auf!'). Nichts. Sie war weg. In ihrer eigenen Welt aus Wut und Enttäuschung darüber, dass dieser dämliche rote Knopf schon gedrückt war. Ich spürte den klebrigen Abdruck eines vergessenen Gummibärchens an meiner Handfläche, während ich versuchte, gleichzeitig den Buggy festzuhalten und ein tobendes Kind zu trösten. Es hat nicht geklappt. Ich habe am Ende selbst fast geweint, mitten in der Rushhour im letzten Monat, während eine Gruppe Teenager kicherte und ein älterer Herr demonstrativ die Zeitung hochzog.
Warum die Bahn das Endgegner-Level der Autonomiephase ist
Als Alleinerziehende ohne Auto bin ich auf die Straßenbahn angewiesen. Wir fahren jeden Tag. Aber seit Mila in dieser Phase steckt, in der alles ein 'Nein!' oder ein Machtkampf ist, fühlt sich jede Fahrt an wie eine Operation am offenen Herzen. In meinem Glossar der Trotzphasen-Begriffe (Autonomiephase, Co-Regulation, Wutanfall …) müsste unter 'B' wie Bahn eigentlich stehen: 'Ort des maximalen Kontrollverlusts'.
Das Problem ist die Enge. Man kann nicht weg. In der Autonomiephase geht es darum, dass Mila lernen will, wer sie ist. Sie will Wirksamkeit. In einer vollen Bahn, in der man als Kind eigentlich nur Beine sieht und darauf warten muss, dass man ankommt, ist Wirksamkeit Mangelware. Wenn dann noch der Entwerter-Knopf wegfällt, bricht das mühsam aufrechterhaltene Kartenhaus zusammen. Ich habe oft das Gefühl, ich navigiere ohne Karte durch eine fremde Sprache, wenn ich versuche, ihren Zorn zu verstehen, während der Fahrer der Linie 13 scharf bremst und wir fast in eine Gruppe Touristen segeln.
Vor etwa drei Wochen hatte ich einen Tiefpunkt. Wir mussten zum Kinderarzt, und Mila weigerte sich, einzusteigen. Ich habe sie schließlich fast schon in die Bahn gehoben, sie hat getreten, ich habe sie angebrüllt, dass wir jetzt keine Zeit für diesen Mist haben. Danach saßen wir beide schweigend da, sie schluchzend, ich mit zitternden Händen und einem riesigen schlechten Gewissen. Es war furchtbar. Aber es hat mir gezeigt: 'Einfach-Losfahren' ist keine Option mehr. Ich brauche eine Strategie.
Meine Notfall-Ausrüstung: Mehr als nur Quetschies
Mittlerweile trage ich eine 'Notfall-Tasche' mit mir herum wie eine taktische Ausrüstung. Ich nenne sie meine 'Überlebens-Kit für die 13'. Darin sind Sticker – Gott segne Sticker! –, ein paar zuckerfreie Quetschies und ein winziges Spielzeugauto, das sie lange nicht gesehen hat. Aber das Wichtigste ist nicht das Zeug in der Tasche, sondern die innere Einstellung. Ich versuche jetzt, schon fünf Minuten früher an der Haltestelle zu sein. Zeitdruck ist der größte Feind der Gelassenheit. Wenn wir hetzen, spürt Mila meine Anspannung, und das Pulverfass ist bereit zur Explosion.
Ein kleiner Lichtblick: Im VVO, unserem Verkehrsverbund hier in Dresden, fahren Kinder bis zum Alter von 6 Jahren kostenfrei. Das ist zumindest finanziell ein Trost, wenn ich mal wieder nach nur einer Station aussteigen muss, weil die Situation eskaliert. Und ja, das mache ich jetzt. Wenn ich merke, dass sie sich gar nicht mehr fängt, steigen wir aus. Egal, wo wir sind. Wir atmen beide durch, schauen uns einen Hund an oder zählen Autos, und nehmen die nächste Bahn. Das hat mir so viel Druck genommen. Manchmal hilft es auch, sich nachdem man die Geduld verloren hat, einzugestehen, dass der Plan für diesen Nachmittag gerade einfach nicht funktioniert.
Der radikale Tipp: Lass sie wüten (wenn es geht)
Hier kommt etwas, das ich erst neulich gelernt habe und das völlig gegen meinen Instinkt geht: Statt den Wutanfall durch sofortige Ablenkung, Zischen oder Schimpfen zu ersticken, versuche ich manchmal, Mila einfach wüten zu lassen. Wenn die Bahn nicht gerade so voll ist, dass wir andere behindern, oder wenn wir ein fast leeres Abteil im hinteren Teil einer der neueren NGT DXDD Bahnen finden, bleibe ich einfach bei ihr. Ich setze mich daneben, halte vielleicht ihre Hand, wenn sie es zulässt, und lasse den Sturm vorbeiziehen.
Die Erkenntnis kam nach mehreren Tagen Tram-Abstinenz: Mein Kind ist nicht 'schlecht erzogen', es lernt nur gerade, dass die Welt nicht nach seinem Kopf tanzt. Wenn wir versuchen, den Wutausbruch sofort zu unterdrücken, staut sich der Stress nur auf. Einmal, letzte Woche, hat sie im hinteren Teil der Bahn richtig laut geschrien, weil ich ihr kein zweites Gummibärchen gegeben habe. Ich habe einfach tief geatmet und gewartet. Nach zwei Minuten war der Spuk vorbei, sie hat tief geseufzt und wollte kuscheln. Hätte ich versucht, sie mit Gewalt zur Ruhe zu bringen, hätte es wahrscheinlich bis zur Endstation gedauert. Das Entladen des Stresses ist manchmal nachhaltiger als das schnelle Ablenken.
Und dann war da dieser Moment vor ein paar Tagen. Mila war wieder kurz davor, die Bahn zu zerlegen. Eine ältere Dame, die uns gegenüber saß, lächelte mich plötzlich an. Kein vorwurfsvolles Lächeln, sondern ein echtes, warmes Wissen-Sie-noch-Lächeln. Sie reichte Mila ein sauberes Taschentuch (warum haben ältere Damen immer Stofftaschentücher dabei?) und sagte zu mir: 'Sie macht das toll, sie will nur die Welt verstehen.' Ich hätte fast geheult vor Erleichterung. Es gibt sie noch, die Empathie im öffentlichen Raum.
Fazit: Überleben in der Linie 13
Was habe ich also gelernt in diesen Wochen voller Schweißausbrüche und DVB-Abenteuern? Erstens: Akzeptanz. Es wird Wutanfälle geben. Es wird Leute geben, die blöd gucken. Aber Mila ist 43 Monate alt, ihr Gehirn ist eine Baustelle, und ich bin die einzige Bauleiterin, die sie hat. Zweitens: Vorbereitung ist alles, aber Flexibilität ist wichtiger. Wenn die Bahn zu voll ist, laufen wir eben ein Stück durch die Neustadt, auch wenn meine Füße wehtun.
Vielleicht ist Muttersein wie das Übersetzen eines sehr schwierigen, modernen französischen Romans: Manchmal machen die Sätze keinen Sinn, man möchte das Buch gegen die Wand werfen und die Grammatik scheint völlig willkürlich. Aber dann gibt es diese eine Zeile, die so schön ist, dass man vergisst, wie schwer die letzten Seiten waren. So ist es, wenn Mila nach einem riesigen Drama in der Bahn meinen Finger nimmt und sagt: 'Mama, guck mal, die Elbe!'
Ich trinke jetzt meinen kalten Tee aus und gehe ins Bett. Morgen müssen wir wieder mit der 13 fahren. Ich habe neue Sticker eingepackt – Glitzersterne. Drückt mir die Daumen. Wir sehen uns nächsten Sonntagabend.