
Es regnet draußen in der Neustadt, so ein grauer, dresdnerischer Nieselregen, der sich wie ein feuchter Schleier über die Alaunstraße legt. Und hier drin? Hier im Flur liegt Mila. Mein Kind, drei Jahre und sieben Monate alt, hat sich in die klassische Seestern-Position begeben: Arme weit, Beine weit, maximale Bodenhaftung. Die gelbe Regenjacke liegt einen Meter daneben, wie ein besiegtes Stofftier.
Ich stehe daneben, barfuß, und spüre dieses ganz spezifische, klebrige Gefühl von angetrocknetem Apfelsaft auf dem Laminat unter meinen Fußsohlen. Es ist einer dieser Morgen, an denen ich eigentlich schon längst an meinem Schreibtisch sitzen und den neuesten französischen Liebesroman übersetzen sollte – eine Arbeit, bei der es um Nuancen geht, um die perfekte Wortwahl. Aber hier im Flur nützt mir mein ganzer Wortschatz nichts. Wenn Mila „Nein!“ sagt, dann meint sie „Nein!“.
Hinweis: Bevor ich dir erzähle, wie wir da wieder rausgekommen sind – ich nutze in meinen Texten manchmal Affiliate-Links. Wenn du darüber einen Kurs buchst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich kostet es keinen Cent mehr. Ich empfehle hier nur Dinge, die ich selbst nachts bei kaltem Tee durchgearbeitet habe, um nicht den Verstand zu verlieren. Meine komplette Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite.
Das Vokabular des Widerstands
Mila steckt seit etwa zwei Monaten in dieser Phase, in der Autonomie das einzige Ziel ist. Als Übersetzerin suche ich oft nach dem „mot juste“, dem genau richtigen Wort. In der Erziehung habe ich gelernt, dass das Wort meistens gar nicht „Jacke“ ist. Es ist „Selbstbestimmung“. Mitte Juni fing es an, dass jeder Schuh, jeder Reißverschluss zur Grundsatzdebatte wurde.
An diesem verregneten Vormittag vor etwa drei Wochen schoss mir dieses kurze, scharfe Stechen in die Schläfe, als das dritte „Nein!“ in Folge durch das Treppenhaus hallte. Du kennst das: Dieser Moment, in dem man merkt, wie die eigene Geduld wie Sand durch die Finger rinnt. Ich hatte einen Call für ein neues Projekt, die Zeit lief, und mein Kind weigerte sich schlichtweg, sich gegen die Kälte zu schützen.
Ich habe alles versucht. Bestechung („Wenn du die Jacke anziehst, darfst du in die Pfütze springen“), Drohung („Dann gehen wir eben nicht auf den Spielplatz“ – was totaler Quatsch ist, weil wir ja zur Kita MÜSSEN) und schließlich das klassische Überreden. Nichts funktionierte. Mila blieb der Seestern.
Warum die Jacke eigentlich ein Symbol ist
Irgendwann saß ich einfach nur noch auf der untersten Stufe der Treppe und starrte auf die Regenjacke. Ich dachte an die Arbeit. In Romanen gibt es für alles eine Lösung, eine dramaturgische Wendung. Im echten Leben als Alleinerziehende in Dresden gibt es meistens nur mich, ein schreiendes Kind und die S-Bahn, die gerade ohne uns wegfährt.
Ich habe in einer dieser schlaflosen Nächte angefangen, mich mit dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation zu beschäftigen. Es gibt da diesen Ansatz der „Konfliktleichtigkeit“, der seit etwa 10 Jahren am Markt ist und Eltern hilft, aus diesen Machtkämpfen auszusteigen. Der Kern der Sache? Es geht nicht um die Jacke. Es geht darum, dass Mila spüren will, dass sie die Kontrolle über ihren Körper hat.
Wenn ich sie zwinge, gewinne ich vielleicht den Moment, aber ich verliere die Verbindung zu ihr. Und als Alleinerziehende ist diese Verbindung mein einziges echtes Kapital. Ich habe dann angefangen, das Konfliktleichtigkeit für Familien Programm auszuprobieren. Es ist kein starres Erziehungssystem, sondern eher wie ein neuer Werkzeugkasten für meine Sprache. Es passt gut zu mir, weil es mit Worten arbeitet – und Worte sind nun mal mein Ding.
Die radikale Wende: Lass sie frieren
Hier kommt der Punkt, der sich am Anfang völlig falsch anfühlt: Hör auf, das Anziehen als Erziehungsmoment zu betrachten. Mein „Unique Angle“, meine ganz persönliche Rettung, war die Erkenntnis: Wenn sie die Jacke nicht will, dann lassen wir sie eben weg.
Ich weiß, was du jetzt denkst. „Aber sie erkältet sich!“ oder „Was denken die Leute in der Neustadt?“. Aber weißt du was? Eine natürliche Konsequenz lehrt mehr als jeder Machtkampf. Wenn Mila ohne Jacke vor die Tür tritt und merkt, dass der Wind unangenehm beißt, ist das eine Information, die ihr Körper versteht. Mein Gerede von „Es ist kalt draußen“ ist für sie nur abstraktes Rauschen.
Nach einem besonders anstrengenden Dienstag habe ich es durchgezogen. Ich habe die Jacke in meinen Rucksack gepackt, ohne einen Kommentar. „Okay, Mila, du möchtest keine Jacke. Ich nehme sie mit, falls du sie später brauchst.“ Wir sind rausgegangen. Es hat keine zwei Minuten gedauert, bis sie anfing zu frösteln. Sie kam zu mir, ganz leise, und sagte: „Mama, Arme kalt.“ Kein Schrei, kein Kampf. Sie wollte die Jacke dann von sich aus.
Das war der Moment, in dem ich verstanden habe: Ich muss nicht die Lehrerin sein, die immer recht hat. Ich kann die Begleiterin sein, die die Lösung im Rucksack hat. Ähnlich wie wir es schon beim Thema Schuhe anziehen besprochen haben, geht es um die Wahlmöglichkeit.
Kleine Schritte statt großer Dramen
Natürlich klappt das nicht immer. Es gibt Tage, da bin ich so müde, dass ich doch wieder in alte Muster verfalle und laut werde. Letzten Mittwoch zum Beispiel, als wir schon spät dran waren und die S-Bahn-Linie 13 gerade an der Haltestelle einfuhr. Ich habe geschrien, Mila hat geweint, und am Ende saßen wir beide völlig aufgelöst in der Bahn, sie mit einer schief angezogenen Jacke und ich mit einem schlechten Gewissen, das schwerer wog als mein Laptop.
Aber genau dafür sind diese Programme da. Ich habe mir das Trotzphase Videoseminar geholt, das erste, was ich überhaupt gekauft habe. Es dauert nur 28 Minuten – das ist genau die Zeit, die ich habe, wenn Mila mal kurz alleine mit ihren Duplo-Steinen spielt oder der Mittagsschlaf doch mal klappt. Es gibt einem diese schnelle Übersicht, dass man nicht allein ist mit diesem Wahnsinn. Es ist für die Altersspanne von 1 bis 4 Jahren gedacht, was perfekt ist, da Mila mit ihren 3 Jahren und 7 Monaten gerade im Epizentrum der Autonomiephase lebt.
Was ich daraus gelernt habe? Manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Wenn ich einen Text übersetze, muss ich mich auch in den Autor hineinversetzen. Warum hat er dieses Wort gewählt? Warum wählt Mila das „Nein“? Weil sie wachsen will. Das „Nein“ zur Jacke ist ein „Ja“ zu sich selbst.
Fazit vom Küchenstuhl
Jetzt ist es Sonntagabend. Mila schläft endlich, nachdem wir heute Abend noch eine Debatte darüber hatten, ob man im Schlafanzug Zähneputzen kann (Spoiler: Man kann). Ich sitze hier mit der Resthälfte von meinem kalten Pfefferminztee. Der Flur ist endlich aufgeräumt, die Regenjacke hängt am Haken.
Perfektionismus in der Erziehung ist für uns Alleinerziehende gefährlich. Wir haben niemanden, der uns ablöst, wenn wir kurz davor sind, die Jacke aus dem Fenster zu werfen. Deshalb müssen wir Wege finden, die uns Energie sparen, statt sie in Machtkämpfen zu verbrennen.
Falls du auch gerade im Flur stehst und ein Kind in Seestern-Position vor dir hast: Atme durch. Pack die Jacke ein. Geh raus. Die Welt geht nicht unter, wenn dein Kind mal kurz merkt, dass Wind kalt ist. Wenn du mehr Struktur brauchst, schau dir das Elternförderprogramm an, das geht über drei Monate und ist super für den kompletten Neustart, wenn man das Gefühl hat, nur noch im Konflikt-Modus zu sein.
Wir versuchen alle nur, den Tag zu überstehen, ohne zu viel zu weinen. Und manchmal ist die Lösung einfach ein bisschen weniger „Erziehung“ und ein bisschen mehr Vertrauen in die kühle Luft von Dresden.
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