
Es ist schwül im Dresdner Hechtviertel, die Luft steht zwischen den Altbauten, und ich versuche seit gefühlt einer Ewigkeit, Mila die gelben Gummistiefel auszuziehen. Wir haben 30 Grad, wir wollen eigentlich gleich los zur Ostsee, aber meine Tochter – inzwischen stolze 43 Monate alt – hat beschlossen, dass diese Stiefel heute ihr Schicksal sind. Sie weint, ich schwitze, und der Koffer im Flur spottet meiner naiven Urlaubsplanung.
Bevor ich euch erzähle, wie wir die Tage am Meer überlebt haben, ein kurzer Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine kleine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich teile hier nur Kurse und Methoden, die ich selbst in meinen nächtlichen „Ich-kann-nicht-mehr“-Momenten ausprobiert habe. Meine vollständige Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite.
Die Angst vor dem „Nein“ im Gepäck
Ich gestehe es: Ich hatte panische Angst vor diesem Urlaub. Alleinerziehend mit einem Kind, das seit zwei Monaten jeden Schuh zur Grundsatzdebatte macht, ist schon in der Neustadt eine Herausforderung. Aber am Strand? Wo alle anderen Familien scheinbar perfekt koordiniert in farblich passenden UV-Shirts herumlaufen? Ich sah mich schon als die Mutter, die den ganzen Tag nur „Nein!“ über die Dünen brüllt, während Mila sich schreiend in den Sand wirft.
Das Problem ist ja: Als Alleinerziehende gibt es keine Aufgabenteilung. Es gibt keinen Partner, dem ich das schreiende Kind mal kurz übergeben kann, um tief durchzuatmen oder mir ein Eis zu holen. Ich bin die einzige Bezugsperson, der einzige Blitzableiter und die einzige, die das Bedürfnis hinter dem Wutanfall erraten muss. Wenn Mila „Nein“ sagt, meint sie eigentlich oft „Ich bin überfordert“, aber in meinem Kopf dröhnt dann nur mein eigenes Versagen.
Der Moment, in dem das Erdbeereis schmolz
Es passierte am dritten Urlaubstag an der Strandpromenade. Eigentlich war alles perfekt. Die Sonne schien, wir hatten Muscheln gesucht, und ich dachte, ich gönne uns ein Eis. Mila wollte Erdbeere. Mila bekam Erdbeere. Und dann fiel ein winziger Klecks auf ihren Handrücken.
Was folgte, war kein kleiner Quengel-Moment, sondern ein Staatsakt der Extraklasse. Sie erstarrte, starrte auf ihre Hand und fing an zu brüllen. Innerhalb von Sekunden lag sie im warmen Dünensand. Ich spürte das klebrige Gefühl von geschmolzenem Erdbeereis auf meiner eigenen Handfläche, während ich versuchte, sie hochzuheben. Passanten blieben stehen. Ich starrte auf die Wellen und dachte: Hoffentlich erkennt mich hier keiner aus Dresden, ich sehe gerade aus wie die totale Überforderung in Person. In meinem Kopf hämmerte es. Ein flaues Gefühl im Magen und das typische Pochen in den Schläfen stellten sich ein, während das Wort „Nein“ zum zehnten Mal in einer Minute aus ihrem kleinen Mund purzelte.
In meiner Verzweiflung griff ich zu meinem kläglichen Versuch, sie mit einem neuen Malbuch zu bestechen, das ich eigentlich für die Rückfahrt versteckt hatte. Spoiler: Es machte alles nur noch schlimmer. Sie war eigentlich nur müde, überreizt von der Sonne und dem Wind, und mein Bestechungsversuch war wie Öl im Feuer. Wir sind schließlich beide weinend zurück in die Ferienwohnung gelaufen. Ich habe mich gefragt, ob wir wieder mehr Harmonie finden können oder ob ich einfach sofort die Koffer packen und heimfahren sollte.
Sprache als Werkzeug: Was wirklich geholfen hat
Nachdem Mila endlich schlief – und ich die Resthälfte von meinem inzwischen eiskalten Tee austrank – holte ich mein Handy raus. Ich hatte vor dem Urlaub angefangen, mich intensiver mit der Konfliktleichtigkeit für Familien zu beschäftigen. Das ist kein klassisches Erziehungsprogramm, sondern ein Ansatz, der seit etwa 10 Jahren am Markt ist und sich stark auf die Sprache konzentriert. Als Literaturübersetzerin hat mich das sofort abgeholt: Sprache als Werkzeug zu begreifen, um die Welt des anderen zu verstehen.
Früher dachte ich, ich muss Mila „erziehen“ oder ihr Grenzen „aufzeigen“. Heute weiß ich: Ich muss ihre Sprache übersetzen. Wenn sie schreit, weil das Eis klebt, schreit sie nicht gegen mich. Sie schreit, weil ihr Nervensystem gerade einen Kurzschluss hat. Die Methode hat mir geholfen, weg von den ewigen Machtkämpfen zu kommen. Es geht nicht darum, dass sie immer „folgt“, sondern dass wir einen Weg finden, wie wir beide gehört werden. Besonders hilfreich war für mich die Erkenntnis, dass ich als Alleinerziehende meine eigenen Kapazitäten viel genauer im Blick behalten muss. Wenn mein Akku leer ist, kann ich keine Co-Regulation bieten.
Praktische Helfer für die Nerven
Ich bin ehrlich: Ich habe am Anfang alles gekauft, was nach Rettung aussah. Mein erster Versuch war das Trotzphase Videoseminar. Mit einer Laufzeit von nur 28 Minuten ist es perfekt für uns Eltern, die eigentlich gar keine Zeit für Weiterbildung haben. Es gibt einen guten ersten Überblick, auch wenn es für die tieferen emotionalen Schichten (wie meinen eigenen Stresspegel) nicht ganz ausreicht. Es war für mich wie ein schnelles Wörterbuch, wenn man die Vokabeln der Trotzphase noch gar nicht kennt.
Für diejenigen, die einen wirklich strukturierten Weg suchen und vielleicht gerade erst am Anfang dieser intensiven Phase stehen, gibt es auch das Elternförderprogramm. Es ist auf eine Dauer von etwa 3 Monaten ausgelegt und deckt die gesamte Zeit von einem bis vier Jahren ab. Ich habe es mir für den Herbst vorgenommen, wenn die Kita-Eingewöhnung (oder eher der Wechsel in die neue Gruppe) ansteht, weil es sehr umfassend ist.
Was mir im Urlaub aber akut den Kopf gerettet hat, war die Konfliktleichtigkeit-Methode. Sie hat mir beigebracht, in diesen brenzligen Momenten am Strand – wenn das Kind keine Jacke will oder die S-Bahn-Tür zu früh zugeht – kurz innezuhalten. Manchmal hilft es schon, einfach nur zu sagen: „Du wolltest das Eis ganz alleine halten, oder? Und jetzt klebt es und das fühlt sich doof an.“ Kein Belehren, kein „Ich hab’s dir doch gesagt“. Nur Übersetzen.
Kleine Siege im Alltag
Die letzten Tage an der Ostsee waren nicht perfekt, aber sie waren anders. Wenn Mila heute „Nein“ sagt, versuche ich, die Kommunikation im Alltag zu verbessern, indem ich ihr kleine Wahlmöglichkeiten lasse. Willst du die blauen Socken oder die mit den Punkten? Es löst nicht jedes Drama – manchmal will sie einfach gar keine Socken und wir diskutieren trotzdem –, aber die Intensität der Wutanfälle hat nachgelassen.
Wir haben gelernt, dass wir im Urlaub mehr Pausen brauchen als zu Hause. Ein Nachmittag in der abgedunkelten Ferienwohnung mit einem Hörspiel ist manchmal wertvoller als der dritte Ausflug zum Spielplatz. Und wenn es doch eskaliert, weiß ich jetzt, dass ich nicht die schlechteste Mutter der Welt bin, nur weil mein Kind gerade die Promenade zusammenbrüllt. Es ist eine Phase. Eine anstrengende, laute, klebrige Phase.
Zurück in der Neustadt
Jetzt sitzen wir wieder in Dresden. Mila schläft tief und fest, ihr kleiner linker Fuß schaut unter der Decke hervor. Die gelben Gummistiefel stehen im Flur, sie sind voller Sand und ich werde sie heute sicher nicht mehr putzen. Der Urlaub war kein „Drama-freies“ Paradies, aber er war ein Anfang.
Wenn du auch gerade an dem Punkt bist, an dem du dich fragst, wie du den nächsten Tag (oder den nächsten Urlaub) überstehen sollst, schau dir die Ansätze zur Konfliktleichtigkeit mal an. Es verändert nicht das Kind, aber es verändert, wie du den Sturm wahrnimmst. Und manchmal ist das schon die halbe Miete. Wenn du mehr über die täglichen Kämpfe wissen willst, lies auch gern meinen Text darüber, wie wir das Jacken-Drama am Morgen gelöst haben.
Ich trinke jetzt meinen kalten Tee aus und versuche, die Ruhe zu genießen, bevor morgen früh um sechs wieder das erste „Nein!“ durch die Wohnung schallt. Wir schaffen das, irgendwie.