
Es ist Sonntagabend in der Dresdner Neustadt und ich sitze in der Küche, während draußen die Straßenbahn Richtung Albertplatz rumpelt. Vor mir steht die obligatorische Tasse Tee, die ich vor einer Stunde aufgebrüht habe – sie ist inzwischen so kalt wie das Badewasser, das ich gerade eben mühsam aus dem Abfluss gelassen habe. Mila schläft endlich. Aber der Weg dorthin? Sagen wir so: Wenn ich heute einen französischen Roman übersetzt hätte, wäre er wohl ein düsteres Drama über den Widerstand gegen die Staatsgewalt (oder in diesem Fall: gegen den Bademantel) geworden.
Seit etwa zwei Monaten stecken wir mitten in dieser Phase, in der jedes „Nein!“ ein Ausrufungszeichen aus Granit trägt. Mila ist jetzt drei Jahre und sieben Monate alt, was bedeutet, dass sie sich kognitiv genau dort befindet, wo die Welt nur nach ihren Regeln funktioniert. Wir hatten vor kurzem die U7a Vorsorgeuntersuchung – offiziell findet die ja zwischen dem 34. und 36. Lebensmonat statt, aber wir waren ein bisschen später dran – und der Kinderarzt lächelte nur milde, als ich von den täglichen Verhandlungen erzählte. „Autonomiephase“, nannte er es. Ich nenne es „Die Zeit, in der meine Nerven so dünn sind wie das Papier einer Erstausgabe von 1850“.
Das Drama auf den Fliesen: Wenn Wasser zum Wohnsitz wird
Ich knie auf den Fliesen in unserer Altbauwohnung, das Wasser ist längst lauwarm, und Mila erklärt mir mit der absoluten Autorität einer Dreijährigen, dass sie nun für immer hier wohnen wird. „Ich bleibe hier, Mama. Für immer!“, sagt sie, während sie mit einer Plastikente kleine Wellen schlägt. Es ist das klamme Gefühl meiner nassen Ärmel am Handgelenk und der Geruch von Erdbeer-Kindershampoo, der schwer in der feuchten Badezimmerluft hängt, was mich in diesem Moment fast wahnsinnig macht.
An einem regnerischen Dienstagabend im Juni – ich hatte gerade eine besonders zähe Arbeitswoche hinter mir und musste eigentlich noch zehn Seiten korrigieren – eskalierte es komplett. Ich wollte sie einfach nur rausheben. Sie machte sich steif wie ein Brett, rutschte mir aus den nassen Händen und am Ende saßen wir beide auf dem Boden: sie nackt und brüllend, ich vollgespritzt und den Tränen nahe. Ich frage mich oft, ob Flaubert jemals über die existenzielle Verzweiflung geschrieben hat, die man spürt, wenn ein nasser Waschlappen nach einem fliegt. Wahrscheinlich nicht. Er hatte vermutlich keine Dreijährige, die den Übergang vom Wasser zum Land als persönlichen Angriff wertete.
Warum Logik gegen Schaumberge verliert
In meiner Naivität dachte ich anfangs, ich könnte sie mit Vernunft überzeugen. „Mila, die Haut wird ganz schrumpelig!“ oder „Das Wasser ist nur noch 30 Grad warm, du erkältest dich!“. Dabei wissen wir eigentlich, dass die empfohlene Badewassertemperatur für Kleinkinder bei 37 Grad Celsius liegen sollte und eine maximale Badezeit von 15 bis 20 Minuten zur Schonung der Hautbarriere ideal wäre. Aber versuchen Sie mal, einer Dreijährigen etwas über dermatologische Richtwerte zu erklären, wenn sie gerade eine Unterwasser-Tee-Party feiert.
Das Problem ist nicht das Bad an sich. Das Problem ist der Übergang. Für Mila bedeutet das Ende des Badens das Ende des Spiels und den Beginn einer dunklen, langweiligen Ära namens „Bettzeit“. In ihrem Kopf ist das ein massiver Verlust von Kontrolle. Wenn ich dann sage „Wir gehen jetzt raus“, ist das für sie wie ein plötzlicher Abbruch mitten im spannendsten Kapitel eines Buches. Wer würde da nicht protestieren? Wer tiefer in diese Begriffe eintauchen möchte, findet in meinem Glossar der Trotzphasen-Begriffe (Autonomiephase, Co-Regulation, Wutanfall …) vielleicht ein bisschen Klarheit über das, was da im Kinderhirn eigentlich passiert.
Ein neuer Ansatz: Die Wanne als Teil des Schlafens sehen
Vor ein paar Tagen habe ich angefangen, meine Perspektive zu ändern. Ich habe irgendwo in den Unterlagen von diesem Elternförderprogramm, das ich neulich entdeckt habe, gelesen, dass man Übergänge nicht als Hindernis, sondern als Brücke sehen muss. Mein bisheriger Fehler war: Ich habe das Baden als etwas gesehen, das *vor* dem Schlafengehen erledigt werden muss. Wie eine lästige Hausaufgabe vor dem Feierabend.
Der eigentliche Kniff – und das ist mein kleiner „Aha-Moment“ der Woche – ist: Das Bad *ist* bereits der Beginn der Schlafroutine. Wenn wir das Wasser als den Ort akzeptieren, an dem der Körper bereits zur Ruhe kommt, verliert der Ausstieg seinen Schrecken. Es geht nicht darum, die Badezeit zu verkürzen, damit man schneller fertig ist. Es geht darum, das Spiel im Wasser als festen Bestandteil der Entspannung zu zelebrieren. Das Wasser ist kein Gegner, sondern der erste Schritt ins Land der Träume.
Praktische Strategien gegen den Badewannen-Streik
Nachdem ich vor etwa acht Wochen fast aufgegeben hätte, habe ich ein paar Dinge ausprobiert, die tatsächlich funktionieren (meistens jedenfalls, wir sind hier schließlich im echten Leben). Hier sind meine „Überlebens-Hacks“ für die Neustädter Badezimmer-Anarchie:
- Die visuelle Ankündigung: Zeit ist für Mila so abstrakt wie Quantenphysik für mich. „Noch fünf Minuten“ bedeutet ihr gar nichts. Ich benutze jetzt eine kleine Sanduhr, die auf dem Wannenrand steht. Wenn der Sand unten ist, ziehen wir den Stöpsel. Das ist kein Befehl von mir, sondern das Gesetz der Schwerkraft.
- Die Wahl-Illusion: Ich frage nicht mehr: „Willst du raus?“. Die Antwort kenne ich. Ich frage: „Möchtest du wie ein nasser Seehund auf meinen Arm springen oder wie eine kleine Meerjungfrau in das Handtuch schlüpfen?“. Oder: „Willst du das blaue Handtuch mit den Walen oder das rote mit den Sternen?“. Sie hat die Kontrolle – oder zumindest das Gefühl davon.
- Das „Stöpsel-Ritual“: Mila darf den Stöpsel selbst ziehen. Das Geräusch des abfließenden Wassers markiert das Ende. Wir verabschieden uns gemeinsam von jeder Ente und jedem Becher. „Tschüss Ente, bis zum nächsten Mal!“. Das klingt albern, hilft ihr aber beim Loslassen.
Wenn es trotzdem knallt
Natürlich klappt das nicht immer. Gestern zum Beispiel war so ein Tag. Ich war müde, Mila war übermüdet, und die Sanduhr wurde kurzerhand in die Fluten geworfen. Es gab Geschrei, und ja, ich habe auch laut reagiert. Danach saßen wir beide schniefend auf dem Badeteppich. In solchen Momenten merke ich, wie schnell ich meine Geduld verlieren kann mit meinem Kleinkind in der Trotzphase, und dass das okay ist, solange wir uns danach wieder finden.
Was mir hilft, ist die Erkenntnis aus dem Elternförderprogramm, dass es nicht um Perfektion geht. Es geht um Co-Regulation. Wenn sie ausflippt, muss ich der Anker sein, auch wenn der Anker gerade nasse Socken hat und eigentlich nur will, dass der Tag endet. Manchmal hilft es sogar, einfach mit ihr zusammen über das „doofe Wasser“ zu schimpfen, das einfach wegfließt. Gemeinsame Empörung verbindet ungemein.
Die Sache mit der S-Bahn und dem Abendfrieden
Erziehung fühlt sich für mich oft an wie das Übersetzen eines Textes, für den es kein Wörterbuch gibt. Man tastet sich vor, probiert Wörter aus, verwirft sie wieder und hofft, dass der Sinn am Ende irgendwie stimmt. Wenn wir es schaffen, ohne Tränen aus dem Bad zu kommen, fühlt sich das für mich an wie ein kleiner Sieg über das Chaos. Das Badezimmer ist dann kein Schlachtfeld mehr, sondern ein Ort, an dem wir den Tag gemeinsam abwaschen.
Ich erinnere mich an einen Wutanfall in Bus und Bahn, den wir neulich in der Linie 13 hatten – das war deutlich stressiger, weil die ganze Neustadt zugeschaut hat. Im Badezimmer sind wir unter uns. Da darf es auch mal chaotisch sein. Aber mit den neuen Strategien – vor allem der Sache mit der Wahlfreiheit – sind die Abende friedlicher geworden.
Jetzt sitze ich hier, trinke den letzten Schluck kalten Tee und schaue auf den einsamen Gummistiefel, der im Flur liegt. Morgen ist wieder Montag, Mila geht in die Kita, und ich werde mich wieder über französische Adjektive beugen. Aber heute Abend bin ich einfach nur froh, dass die „Meerjungfrau“ friedlich schläft. Falls ihr gerade auch vor einer vollen Badewanne und einem trotzigen Kind steht: Atmet tief durch. Es ist nur eine Phase. Und wenn gar nichts mehr hilft – setzt euch einfach dazu. Manchmal ist ein gemeinsames Fußbad der beste Weg, um die Fronten zu klären.