
Sonntagabend in der Neustadt. Die S-Bahn rattert in der Ferne Richtung Bahnhof Neustadt, und ich sitze hier mit der Resthälfte meines kalten Tees. Mila schläft endlich â nach einer gefühlten Ewigkeit, in der wir darüber debattiert haben, ob das Kuschelschaf auch eine eigene Decke braucht oder ob meine linke Socke als Ersatz herhalten kann. Mein Kopf ist schwer von den Zeilen eines französischen Romans, den ich eigentlich bis morgen übersetzt haben müsste, aber meine Gedanken hängen noch im Sandkasten vom letzten Dienstag fest.
Es war einer dieser sonnigen Nachmittage im Alaunpark. Wer die Dresdner Neustadt kennt, weiÃ: Der Park ist mit seinen 15 Hektar eigentlich groà genug, aber die Sandkästen fühlen sich an manchen Tagen an wie ein hochemplosives Versuchslabor für zwischenmenschliche Spannungen. Mila, jetzt genau 43 Monate alt, hockte in ihrem Element. Sie hatte diese eine blaue Schaufel â die, die eigentlich schon am Griff splittert, aber momentan ihr wertvollster Besitz ist. Und dann passierte es. Ein anderes Kind, vielleicht ein paar Monate jünger, streckte erwartungsvoll die Hand aus. Und Mila? Mila klammerte sich an diese Schaufel, als hänge ihr gesamtes zukünftiges Lebensglück davon ab, und schrie ein âNEIN!â, das man wahrscheinlich noch am Albertplatz hören konnte.
Das soziale Minenfeld: Wenn alle Augen auf dich gerichtet sind
In diesem Moment passierte etwas in mir. Es ist dieser automatische Reflex, den ich seit Beginn dieser intensiven Trotzphase Ende April fast täglich spüre: Dieser brennende Druck, eine âgute Mutterâ zu sein. Ich spürte die Blicke der anderen Eltern. Besonders die einer Mutter gegenüber, die sehr sortiert aussah â beige Leinenhose, kein einziges Haar am falschen Platz. Ich fragte mich, ob die Mutter gegenüber sieht, dass mein Shirt einen Ketchup-Fleck hat, oder ob sie zu beschäftigt damit ist, ihr eigenes Kind zu bändigen, das gerade mitleidig guckte, weil es keine Schaufel bekam.
Mein Ãbersetzer-Hirn suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. Wie vermittelt man Diplomatie zwischen zwei Menschen, von denen einer noch nicht mal weiÃ, dass andere Menschen auch Gefühle haben? Ich versuchte es mit dem Klassiker: âMila, schau mal, der Junge möchte auch mal spielen. Wir teilen doch, oder?â
Spoiler: Nein, wir teilten nicht. Mila wurde steif wie ein Brett, presste die Schaufel gegen ihre Brust und die Situation eskalierte schneller, als ich âFrühlingsgefühleâ sagen konnte. Ich fühlte mich schrecklich. Ich schämte mich für ihren Egoismus und gleichzeitig war ich wütend auf mich selbst, weil ich sie so bedrängte. Es endete damit, dass wir beide fast weinten und ich sie schlieÃlich mit sanfter Gewalt vom Spielplatz wegtragen musste, während die blaue Schaufel im Sand liegen blieb. Wenn es ganz schlimm kommt und die Emotionen überkochen, hilft mir oft der Gedanke an meine Notizen darüber, wenn das Kleinkind haut und tritt, denn manchmal ist das âNeinâ beim Teilen nur der Anfang einer gröÃeren Welle.
Die Erkenntnis beim kalten Tee: Warum Teilen eine Ãberforderung ist
Mitte Mai hatte ich ein langes Telefonat mit einer Freundin, die zwar auch keine Psychologin ist, aber drei Kinder durch die Trotzphase manövriert hat. Sie sagte etwas, das bei mir hängen blieb: âMila ist kein kleiner Egoist. Sie lernt gerade erst, dass sie eine eigene Person mit eigenem Besitz ist.â
Ich fing an zu recherchieren â meistens nachts, wenn ich eigentlich schlafen sollte. Wusstet ihr, dass sich die Fähigkeit, die Perspektive anderer wirklich einzunehmen (die sogenannte Theory of Mind), meist erst um das vierte Lebensjahr herum festigt? Mila ist mit ihren 43 Monaten also biologisch noch gar nicht voll darauf programmiert, groÃzügig zu sein. Für sie ist die Schaufel in diesem Moment ein Teil ihres Ichs. Wenn ich sie zwinge, sie wegzugeben, fühlt sich das für sie an, als würde ich ihr einen Arm abnehmen.
Auf dem Spielplatz herrscht oft das Gesetz der âParallelspieleâ. Kinder spielen nebeneinander, aber selten wirklich miteinander, was das Teilen noch komplizierter macht. Die Dresdner Neustadt ist zudem der kinderreichste Stadtteil Dresdens â die Dichte an sozialen Interaktionen (und damit an Konfliktpotenzial) ist hier einfach massiv höher als im ruhigen Loschwitz oder in der Südvorstadt. Ãberall sind Schaufeln, Eimer und fremde Kinderhände.
Meine neue Strategie: Schutz statt Zwang
Ich habe meine Herangehensweise radikal geändert. Anstatt Mila zum Teilen zu zwingen, schütze ich jetzt ihre Grenzen. Wenn ein Kind kommt und etwas will, das sie gerade hat, sage ich: âMila spielt gerade noch damit. Du kannst es haben, wenn sie fertig ist.â
Das klingt so einfach, war aber für mich ein riesiger Schritt. Ich musste aushalten, dass das andere Kind vielleicht kurz weint oder die andere Mutter mich für eine antiautoritäre Fehlbesetzung hält. Aber wisst ihr was? Mila wurde entspannter. Seit sie weiÃ, dass ich ihr Spielzeug nicht einfach âverschenkeâ, ist sie paradoxerweise bereitwilliger geworden, es von sich aus nach ein paar Minuten abzugeben. Wir üben jetzt âAbwechselnâ statt âTeilenâ. Das Wort âTeilenâ impliziert oft einen Verlust, âAbwechselnâ ist ein Prozess.
Letzte Woche hat es das erste Mal fast reibungslos geklappt. Ein kleiner Junge wollte ihr Förmchen. Mila guckte ihn an, hielt es fest, schaute zu mir. Ich sagte: âDu entscheidest, wann du fertig bist.â Sie spielte noch zwei Minuten, dann hielt sie es ihm hin und sagte: âHier, jetzt du.â Ich hätte fast vor Stolz geheult â mitten im Sandkasten, zwischen den leeren Kaffeepappbechern und den weggeworfenen Brezelstücken.
Diese neue Gelassenheit hilft uns in vielen Bereichen. Wir arbeiten insgesamt viel an unserer Konfliktleichtigkeit, weil ich gemerkt habe, dass mein eigener Stresspegel die Situationen oft erst recht zum Explodieren bringt. Wenn ich ruhig bleibe, hat Mila eine Chance, es auch zu sein.
Erziehung ist kein Roman mit perfektem Lektorat
Als Ãbersetzerin liebe ich es, wenn am Ende alles passt. Wenn jedes Wort an seinem Platz ist und die Nuancen stimmen. Aber Muttersein? Muttersein ist eher wie ein chaotischer erster Entwurf, bei dem die Hälfte der Seiten Kaffeeflecken hat und die Grammatik völlig willkürlich ist. Es gibt keine perfekte Lösung für den Spielplatz-Konflikt, nur Versuche, die mal besser und mal schlechter funktionieren.
Manchmal klappt es auch heute noch nicht. Gestern zum Beispiel, da war sie einfach zu müde. Da gab es keine Diplomatie, sondern nur ein wütendes Kind, das Sand geworfen hat, weil jemand seinen Bagger nur schief angeguckt hat. In solchen Momenten packe ich einfach zusammen. Ich habe gelernt, dass es keinen Sinn ergibt, einen pädagogischen Kampf zu führen, wenn der Akku leer ist â bei ihr und bei mir.
Wenn wir dann den Heimweg antreten, was oft eine ganz eigene Herausforderung ist, versuche ich mich an meine Strategie für entspanntes Heimgehen zu erinnern, damit der Tag nicht in einem kompletten Drama endet. Meistens klappt das ganz gut, solange ich nicht vergesse, dass sie eben erst drei Jahre und sieben Monate alt ist.
Jetzt schlage ich doch noch kurz meinen französischen Roman auf. Das Knirschen von feinem Sand zwischen den Seiten erinnert mich daran, dass ich heute Nachmittag wohl unbemerkt eine halbe Sandkiste in meine Tasche importiert habe. Ein kleiner Gruà aus dem Alaunpark. Ich lächle müde. Morgen ist Montag, ein neuer Tag, neue Debatten um Schuhe, Mützen und wahrscheinlich wieder die blaue Schaufel. Aber das ist okay. Wir lernen das noch. Gemeinsam. Und jetzt trinke ich diesen Tee aus, auch wenn er inzwischen wirklich eiskalt ist.