
Mila liegt auf dem Flurteppich. Einem echten Perser, schwer, dunkelrot, mit diesem ganz eigenen Geruch nach Bohnerwachs und Vergangenheit, der in Omas Wohnung in Striesen immer in der Luft hängt. Sie schreit nicht nur, sie bebt – und ich spüre die raue Struktur von Omas altem Perserteppich unter meinen Knien, als ich mich auf Augenhöhe zu ihr hinunterbeuge, während meine eigene Geduld gerade irgendwo zwischen der Garderobe und dem staubigen Schirmständer verdampft.
Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese Links etwas kaufst, erhalte ich eine kleine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Ich teile hier nur, was ich als müde Übersetzerin nachts wirklich selbst ausprobiert habe – meine volle Offenlegung findest du auf der Über-mich-Seite. Aber zurück zum Teppichdrama.
Es war einer dieser verregneten Sonntagnachmittage im Mai, an denen man eigentlich nur gemütlich Kuchen essen will. Aber mit einer Tochter, die gerade drei Jahre und sieben Monate alt ist und beschlossen hat, dass „Nein“ ihre neue Lieblingsvokabel ist, gibt es kein „gemütlich“. Es gibt nur Verhandlungen, die komplizierter sind als die Verträge, die ich manchmal für meine Verlage übersetzen muss. Nur dass es hier nicht um Honorare geht, sondern um die Frage, ob die linke Sandale zuerst angezogen werden darf oder ob das ein direkter Angriff auf Milas Menschenwürde ist.
Das Publikum: Wenn Erziehung zum Schauprozess wird
Das Schlimmste am Trotzen bei Verwandten ist nicht der Wutanfall an sich. Den kenne ich. Den haben wir in der Dresden-Neustadt schon vor jedem Späti und auf jedem Spielplatz durchexerziert. Das Schlimmste sind die Blicke. Omas hochgezogene Augenbraue und ihr tiefes Seufzen, das mehr sagt als jeder direkte Vorwurf über meine moderne Erziehung. Es ist dieses Schweigen, das schreit: „In meiner Zeit hätte es das nicht gegeben.“
Ich bin 34 Jahre alt, ich ziehe mein Kind alleine groß und ich übersetze französische Romane, in denen es oft um die ganz große Liebe geht. Aber in diesem Moment, auf dem Perserteppich, finde ich einfach keine Worte, um den Graben zwischen Omas Erwartung und meiner Realität zu überbrücken. Ich fühle mich wie eine schlechte Übersetzerin meines eigenen Lebens. Oma schlug dann auch prompt vor, Mila „einfach mal schreien zu lassen“, weil man ihr sonst auf der Nase herumtanze. Mein Puls schoss sofort in die Höhe. Ich weiß, dass sie es nicht böse meint, aber dieser Rat fühlt sich an wie eine Anleitung aus einem Museum für Grusel-Pädagogik.
Der Moment, in dem ich fast die Beherrschung verlor
Ich habe versucht, ruhig zu bleiben. Wirklich. Aber als Mila zum dritten Mal ihre Schuhe durch den Flur feuerte und Oma anfing, von der „guten alten Strenge“ zu erzählen, riss bei mir etwas. Mein Versuch, gelassen zu wirken, endete erst in einem sarkastischen Kommentar über Erziehungsmethoden aus der Kaiserzeit, bevor ich mich fing. „Schade, dass wir die Prügelstrafe abgeschafft haben, was Oma?“, zischte ich, und sofort tat es mir leid. Es war unfair, aber ich war einfach so müde. Die letzten zwei Monate, seit Milas Autonomiephase ihren ersten echten Höhepunkt erreicht hat, haben an meinen Reserven gezehrt.
Besonders schwierig ist es, weil Mila ein sehr sensibles Kind ist. Standard-Ratschläge wie „einfach ignorieren“ scheitern hier komplett. Wenn sie bei Verwandten unter emotionalem Stress steht, braucht sie mich als Anker. Sie braucht Co-Regulation, statt allein gelassen zu werden, weil sie sonst völlig den Halt verliert. In der Neustadt versteht das jeder, aber in der Welt von Filterkaffee und Sammeltassen wirkt das wie pure Inkonsequenz. Ich habe oft das Gefühl, mich für meine Empathie rechtfertigen zu müssen, was den Stress nur noch verdoppelt.
Vielleicht kennst du das auch? Dieser Druck, dass das Kind „funktionieren“ muss, sobald man die eigene Wohnung verlässt. Falls du gerade in einer ähnlichen Situation steckst, schau dir mal meinen Text über ungefragte Erziehungstipps an – das ist mein persönliches Überlebens-Manifest geworden.
Wie die GFK uns den Nachmittag rettete
Irgendwann saß ich also da, Mila brüllend am Boden, Oma kopfschüttelnd in der Küchentür. Dann erinnerte ich mich an die Ansätze aus der Konfliktleichtigkeit-Methode. Ich nutze dieses Programm jetzt schon eine Weile, weil es auf der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) basiert und Sprache als Werkzeug nutzt – was mir als Übersetzerin natürlich entgegenkommt. Die Methode ist bereits seit zehn Jahren am Markt, was mir ein gewisses Vertrauen gibt, dass sie nicht nur ein kurzlebiger Trend ist.
Statt Mila also anzuschreien oder sie wegzuzerren, habe ich tief durchgeatmet. Ich habe versucht, ihre Bedürfnisse zu benennen, statt nur Gehorsam einzufordern. „Mila, bist du gerade wütend, weil es hier so laut ist und du eigentlich noch weiterspielen wolltest?“ Das klingt für Außenstehende oft seltsam, fast wie ein Rollenspiel. Aber es verändert die Energie im Raum. Mila hielt kurz inne. Das Brüllen wurde zu einem Schluchzen. Sie fühlte sich gesehen. Nicht als Problem, sondern als Mensch mit einem echten Gefühl.
Ich habe damals mit dem Trotzphase Videoseminar angefangen, das nur 28 Minuten dauert – perfekt für eine kleine Pause zwischen zwei Übersetzungs-Abschnitten. Es ist zwar schon 8.7 Jahre alt, aber die Grundlagen der Kinderpsychologie ändern sich ja nicht alle zwei Wochen. Es war mein erster Schritt weg vom „Funktionieren“ hin zum „Verstehen“. Später habe ich mir dann das strukturiertere Elternförderprogramm angeschaut, das seit 1.6 Jahren existiert und einen über drei Monate begleitet. Gerade als Alleinerziehende hilft mir so eine Struktur enorm, wenn der Alltag mal wieder über mir zusammenbricht.
Der Aufbruch und die Linie 13
Die Minuten kurz vor dem Aufbruch an der Wohnungstür waren trotzdem zäh. Aber wir haben es geschafft. Ohne Tränen bei mir, nur mit ein paar bei Mila. Wir haben uns von Oma verabschiedet, die immer noch ein wenig skeptisch dreinschaute, uns aber trotzdem ein Paket Kekse zusteckte. Ein Friedensangebot auf Striesener Art.
Die zwanzigminütige Heimfahrt in der Linie 13 war dann der friedlichste Moment des Tages. Mila saß am Fenster, beobachtete die Häuser der Johannstadt und schlief schließlich erschöpft an meine Seite gelehnt ein. Das Licht der Straßenlaternen huschte über ihr Gesicht, und plötzlich war all der Stress von vorhin vergessen. In solchen Momenten weiß ich, warum ich mir die Mühe mache, die „neuen Wege“ zu gehen, auch wenn sie anstrengender sind als der alte Pfad der Strenge.
Es ist oft ein Drahtseilakt. Auf der einen Seite das Bedürfnis meines Kindes, sich selbst zu entdecken (was sie gerade sehr lautstark tut – lies dazu auch meinen Text darüber, wenn das Kind alles alleine machen will), und auf der anderen Seite der Wunsch nach Harmonie in der Familie. Ich lerne gerade, dass ich nicht beides gleichzeitig perfekt bedienen kann. Und das ist okay.
Mein Fazit für den nächsten Besuch
Was habe ich aus diesem Kraftakt gelernt? Verwandtenbesuche in der Trotzphase sind wie das Übersetzen eines sehr schlechten Manuskripts: Man muss viel zwischen den Zeilen lesen und darf nicht jedes Wort persönlich nehmen. Ich werde beim nächsten Mal versuchen, früher klare Grenzen zu ziehen – nicht nur Mila gegenüber, sondern auch gegenüber den Ratschlägen meiner Familie.
Jetzt ist es später Montagabend nach der Arbeit. Der Tee ist wie immer kalt, Mila träumt hoffentlich von glücklichen Sandalen, und ich klappe gleich meinen Laptop zu. Wenn du auch oft das Gefühl hast, zwischen den Erwartungen anderer und der Liebe zu deinem kleinen „Trotzkopf“ zerrieben zu werden: Du bist nicht allein. Manchmal hilft es schon, sich ein paar Werkzeuge zurechtzulegen, bevor man die Wohnung der Verwandtschaft betritt.
Falls du auch nach einem Weg suchst, Konflikte friedlicher zu lösen, kann ich dir die Ansätze der Konfliktleichtigkeit wirklich ans Herz legen. Es macht den Perserteppich bei Oma nicht weicher, aber es hilft dir, auf ihm stehen zu bleiben, ohne umzukippen. Wir lesen uns nächsten Sonntag!