
Sonntagabend in der Neustadt. Mila schläft endlich – nach einer dreißigminütigen Diskussion darüber, ob man im Schlafanzug auch Gummistiefel tragen kann (Spoiler: man kann, wenn man keine Kraft mehr hat). Ich sitze am Küchentisch, starre auf die Reste von meinem kalten Tee und im Flur liegt ein einzelner, einsamer Schuh, den Mila heute Nachmittag vor Wut gegen die Wohnungstür geschleudert hat. Mein Kopf fühlt sich an wie ein französischer Roman, bei dem die Hälfte der Seiten fehlt und die Grammatik keinen Sinn mehr ergibt. Ich bin keine Pädagogin. Ich bin eine Übersetzerin, die versucht, die Sprache einer Dreijährigen zu entziffern, die gerade beschlossen hat, dass körperliche Gewalt ein valides Kommunikationsmittel ist.
Der Moment, in dem die Welt im Alaunpark stehen blieb
Es war Anfang August, einer dieser drückend heißen Tage, an denen die Luft über dem Asphalt der Louisenstraße flimmert. Wir waren im Alaunpark verabredet. Ein ganz normales Playdate, dachte ich. Mila, ein anderes Kind, zwei Mütter, ein paar Sandförmchen. Und dann passierte es: Mila wollte die rote Schaufel. Das andere Kind auch. Ohne Vorwarnung – wirklich, ohne ein einziges warnendes 'Nein' – hat Mila das andere Kind einfach vom Klettergerüst geschubst. Nur weil es im Weg stand.
In diesem Moment passierte etwas mit mir. Es ist dieser metallische Geschmack von Stress im Mund, während ich die missbilligenden Blicke der anderen Eltern im Sandkasten spüre. Es ist nicht nur der Schreck über die Tat an sich, sondern diese brennende Scham. Man fühlt sich sofort wie die Mutter, die 'es nicht im Griff hat'. Ich frage mich in solchen Momenten oft, ob es für diesen spezifischen Grad an elterlicher Erschöpfung eine elegante französische Vokabel gibt, die ich in meinem nächsten Roman verwenden kann. L’accablement? Vielleicht. Es beschreibt diese Mischung aus Niedergeschlagenheit und dem Gefühl, unter einer Last zusammenzubrechen.
Warum 'Hauen' kein Charakterfehler ist
Ich habe viel darüber nachgedacht, während ich nachts wach lag und Mila im Schlaf ihre Beine gegen meine Rippen trat. Wir stecken jetzt seit etwa zwei Monaten mitten in dieser Phase. Begonnen hat alles im Frühsommer, als die Tage länger wurden und Milas 'Nein'-Wortschatz exponentiell wuchs. Was ich mühsam lernen musste (und was mir das Gefühlsausbrüche begleiten im Alltag erst so richtig bewusst gemacht hat): Mila ist nicht böse. Sie ist nicht aggressiv im Sinne von boshaft.
Die nackten Zahlen helfen mir manchmal, nicht völlig den Verstand zu verlieren, wenn ich wieder mal eine Entschuldigung an eine andere Mutter stammle. Die Autonomiephase beginnt meistens zwischen dem 18. und 24. Monat. Das ist der Moment, in dem sie checken: 'Ich bin ich, und ich habe einen Willen.' Aber – und das ist der riesige Haken – die biologische Reife für echte Impulskontrolle, die im präfrontalen Kortex sitzt, entwickelt sich erst bis zum 25. Lebensjahr vollständig. Mila ist drei Jahre und sieben Monate alt. Ihr Gehirn ist in Sachen Selbstregulation quasi noch eine Baustelle ohne Bauleiter, auf der gerade alle gleichzeitig mit dem Presslufthammer arbeiten.
Ein schwüler Dienstagnachmittag im Juli und die Sache mit der Höflichkeit
Ich erinnere mich an einen schwülen Dienstagnachmittag im Juli. Wir waren auf dem Hinterhof-Spielplatz. Mila hat ein anderes Mädchen gehauen, weil sie nicht rutschen durfte. Mein Reflex war: Sofort zum anderen Kind rennen, 'Oh Gott, tut mir leid' rufen, Mila schimpfen, sie zwingen, sich zu entschuldigen. Das ist das soziale Protokoll, oder? Man will zeigen, dass man eine 'gute Mutter' ist.
Aber wisst ihr was? Es hat alles nur schlimmer gemacht. Mila hat völlig zugemacht, hat nur noch lauter geschrien und ich stand da, schweißgebadet und den Tränen nah. Ich habe gelernt, dass dieses sofortige Maßregeln oft nach hinten losgeht. Ein radikaler Gedanke, den ich neulich aufgeschnappt habe: Anstatt sofort einzugreifen und das Kind zu maßregeln, sollten Eltern gezielt die Situation des Spielkameraden kurzzeitig vernachlässigen, um dem eigenen Kind Raum zur sozialen Selbstregulation zu geben.
Die Kunst der Co-Regulation
Das klingt erst mal total falsch, oder? Das arme andere Kind! Aber wenn Mila haut, ist sie in einem Tunnel. Ihr Nervensystem ist auf 'Kampf' geschaltet. Wenn ich sie jetzt mit Vorwürfen und Entschuldigungs-Forderungen bombardiere, befeuert das den Stress nur noch mehr. Ich versuche jetzt – auch wenn es mich unendlich viel Überwindung kostet – erst mal bei Mila zu bleiben. Ich atme. Ich versuche, ihr Anker zu sein, damit sie aus diesem Tunnel rauskommt. Erst wenn sie wieder 'ansprechbar' ist, können wir uns um den Rest kümmern. Das andere Kind wird meistens sowieso schon von seinen eigenen Eltern getröstet.
Es geht nicht darum, das Hauen zu ignorieren. Es geht darum, die Reihenfolge zu ändern. Erst die Emotion sortieren, dann das Verhalten besprechen. Wenn wir sicherstellen wollen, dass sie Sicher durch den Verkehr in der Trotzphase kommen oder eben friedlich im Sandkasten spielen, müssen wir erst mal ihren inneren Sturm beruhigen.
Gestern Nachmittag im Hinterhof: Der Wendepunkt
Gestern Nachmittag im Hinterhof unserer Wohnanlage gab es wieder so eine Situation. Mila wollte ein Dreirad, das besetzt war. Sie hat geschubst. Ich habe tief eingeatmet, den metallischen Stressgeschmack ignoriert und bin einfach nur zu ihr gegangen, habe mich auf ihre Höhe gehockt und gesagt: 'Du bist gerade richtig sauer, weil du auch fahren willst, oder?'
Kein Schimpfen. Kein 'Das tut man nicht'. Nur Benennen. Und siehe da: Sie hat nicht weiter geschubst. Sie hat geweint. Ein tiefes, erschöpftes Weinen. In dem Moment kam die andere Mutter zu mir. Ich dachte schon: 'Okay, jetzt kommt die Standpauke.' Aber sie lächelte nur müde und sagte: 'Mein Sohn hat gestern ein anderes Kind gebissen. Ich dachte, ich muss auswandern.' Wir standen da, zwei müde Frauen in der Dresdner Neustadt, und wussten: Wir sitzen alle im selben Boot.
Was ich heute Abend weiß (während der Tee endgültig eiskalt ist)
Erziehung ist kein linearer Prozess. Es gibt keine Vokabelliste, die man auswendig lernt, und dann versteht man das Kind. Es ist eher wie das Übersetzen eines sehr abstrakten Gedichts: Manchmal findet man das richtige Wort, und manchmal bleibt nur eine vage Ahnung von dem, was gemeint war. Mila lernt gerade, eine eigene Person zu sein. Dass sie dabei manchmal die Ellbogen (oder die Sandkaufel) benutzt, gehört leider dazu.
Ich akzeptiere jetzt, dass Mila kein 'böses' Kind ist. Sie ist ein Kind, das mit der Wucht seiner eigenen Gefühle überfordert ist. Und ich bin diejenige, die ihr hilft, diese Gefühle zu sortieren – auch wenn ich dabei selbst oft nicht weiß, was ich tue. Wenn es im Alaunpark mal wieder eskaliert, versuche ich mir zu merken: Co-Regulation vor Höflichkeit. Auch wenn die Blicke der anderen brennen.
Morgen ist Montag. Ein neuer Tag mit neuen Grundsatzdebatten über Socken, Brotdosen und wer zuerst die S-Bahn-Tür drücken darf. Ich werde wahrscheinlich wieder müde sein. Aber vielleicht schaffe ich es, den Tee zu trinken, solange er noch warm ist. Vielleicht.