Warten lernen in der Trotzphase: Wie wir Geduld im Alltag spielerisch üben

2026.08.12
Warten lernen in der Trotzphase: Wie wir Geduld im Alltag spielerisch üben

Es war wieder einer dieser Nachmittage letzte Woche. Ein Supermarkt in der Neustadt, die Schlange an der Kasse war gefühlt länger als die Elbe und vor uns stand eine Dame, die gefühlte einhundert Rabattcoupons einzeln scannen ließ. Mila, die seit zwei Monaten beschlossen hat, dass 'Warten' ein persönlicher Angriff auf ihre Grundrechte ist, sackte langsam in sich zusammen – erst die Knie, dann der Oberkörper, bis sie wie ein Häufchen Elend auf dem Linoleumboden lag und anfing, die Melodie der puren Verzweiflung zu summen.

Ich stand daneben, den kalten Schweiß im Nacken, und starrte auf die Packung Hafermilch in meiner Hand. In meinem Kopf hämmerte noch die Deadline für die Übersetzung des neuen französischen Romans – ich muss noch zwanzig Normseiten schaffen, und eine Normseite hat nun mal 1800 Anschläge, die sich nicht von allein tippen. Während die Kassiererin vergeblich versuchte, einen zerknitterten 50-Cent-Gutschein für Katzenfutter zu erfassen, merkte ich, wie meine eigene Geduld den Abgang machte. Ich habe Mila schließlich nicht sanft hochgehoben, sondern eher genervt gezischt: „Mila, jetzt sei doch mal bitte geduldig!“

Das Paradoxon der elterlichen Ungeduld

Kaum war der Satz raus, spürte ich die Ironie. Da stehe ich, eine erwachsene Frau von 34 Jahren, und schreie fast ein dreijähriges Kind an, es solle geduldig sein, während ich selbst kurz davor bin, die Hafermilch gegen das Kassenhäuschen zu pfeffern. Das ist der Moment, in dem man merkt: Wir verlangen von unseren Kindern oft Dinge, die wir in diesem Moment selbst nicht leisten können. Warten ist für Mila Schwerstarbeit. Ihr Gehirn, speziell der Präfrontale Cortex, ist noch gar nicht darauf ausgelegt, Impulse so lange zu unterdrücken.

Als wir endlich draußen waren und Mila sich an einer Pfütze wieder beruhigt hatte, fühlte ich mich einfach nur leer. Zu Hause wartete der Schreibtisch. Später am Abend, als sie endlich schlief, fand ich die klebrigen Überreste eines halben Fruchtriegels auf meiner Tastatur, genau zwischen dem 'M' und dem 'L', während ich verzweifelt nach einem Synonym für „melancholisch“ suchte. Es ist dieser Spagat zwischen der Welt der Literatur, in der jedes Wort Gewicht hat, und dem Chaos im Flur, wo jeder Schuh zur Grundsatzdebatte wird. Wenn du auch gerade in dieser Phase steckst, kennst du das sicher: Kleinkind will Schuhe nicht anziehen und der Zeitplan für den Tag ist schon um 8:15 Uhr hinfällig.

Nahaufnahme einer Tastatur mit klebrigen Resten eines Fruchtriegels und einer Kinderzeichnung.

Die Entdeckung beim Kinderarzt

Mitte Juli saß ich dann beim Kinderarzt im Wartezimmer – mal wieder. Mila hatte die Zeitschriftenstapel bereits nach fünf Minuten neu sortiert (nach dem Kriterium: Wie laut knistert das Papier?) und fing an, an der Heizung zu rütteln. Dort am schwarzen Brett hing ein Flyer für ein Seminar zum Thema Trotzphase. Ich dachte erst: „Klar, noch ein Termin, den ich nicht schaffe.“ Aber der Untertitel blieb hängen: „Geduld ist keine Disziplin, sondern eine Fähigkeit des Nervensystems.“

Ich habe mich dann tatsächlich für einen Kurs angemeldet, ein Online-Programm, das ich abends schauen konnte, wenn in der Neustadt die Lichter in den Kneipen angehen und ich hier mit meinem kalten Tee sitze. Einer der wichtigsten Sätze dort war: Erwarte nicht, dass dein Kind wartet, sondern hilf ihm, die Zeit zu füllen, bevor das System überhitzt. Das war für mich ein echter Gamechanger. Wir versuchen oft, den Frust künstlich auszureizen, nach dem Motto: „Da muss sie jetzt durch.“ Aber eigentlich führt das nur dazu, dass das Kind in den Stressmodus schaltet und gar nichts mehr lernt.

Spielerische Strategien für die Linie 13

Wir fahren in Dresden viel mit der Straßenbahn, meistens mit der Linie 13. Wer die 13 kennt, weiß: Die ist oft voll, sie wackelt, und manchmal steht man an der Ampel an der Bautzner Straße gefühlt eine Ewigkeit. Das ist für Mila die absolute Endgegner-Situation. Früher habe ich versucht, sie mit „Gleich sind wir da“ zu vertrösten. Spoiler: Das funktioniert nie. Ein dreijähriges Kind hat kein Zeitgefühl. „Gleich“ kann zwei Minuten oder zwei Jahre bedeuten.

In dem Seminar habe ich gelernt, visuelle Hilfen zu nutzen. Ich habe jetzt oft eine kleine Sanduhr in der Tasche, die genau drei Minuten läuft. Das ist ungefähr die Aufmerksamkeitsspanne, die Mila in guten Momenten aufbringen kann. Wenn wir also an der Haltestelle stehen und die Bahn nicht kommt, sage ich nicht mehr „Warte kurz“, sondern: „Guck mal, wenn der Sand unten ist, schauen wir wieder, ob wir die gelbe Bahn schon sehen.“ Es macht die Zeit für sie greifbar. Es nimmt den Druck aus dem Ungefähren.

Manchmal singen wir auch „Wartelieder“. Wir haben ein spezielles Lied erfunden, das nur gesungen wird, wenn etwas länger dauert. Es ist albern, es hat keinen tieferen Sinn, aber es reguliert ihren Herzschlag – und meinen auch. Wenn es ganz schlimm wird, hilft mir das Wissen aus dem Kurs, dass ich die Situation unterbrechen darf. Wenn die Schlange im Supermarkt zu lang ist und ich merke, Mila kippt gleich um, dann gehen wir halt nochmal aus der Schlange raus, schauen uns drei Minuten die bunten Zeitschriften an und stellen uns neu an. Das klingt nach Zeitverschwendung, spart aber am Ende die dreißig Minuten Nervenzusammenbruch im Flur.

Warum Warten auch für mich Übung bedeutet

Das Ganze hat eine tiefere Ebene, die mir erst vor ein paar Wochen klar wurde. Während ich Mila beibringe, nicht sofort auszuflippen, wenn die Ampel rot ist, lerne ich selbst, wie ich mit meinem eigenen Stress umgehe. Als Alleinerziehende ist mein Geduldsfaden oft so dünn wie das Papier meiner französischen Taschenbücher. Wenn Mila einen Wutanfall bekommt, ist das oft nur der Spiegel meiner eigenen inneren Eile.

Ich erinnere mich an einen Moment Anfang Juni, als ich eine besonders schwierige Passage übersetzen musste. Mila wollte unbedingt, dass ich ihr jetzt – sofort! – ein Bild von einem blauen Elefanten male. Ich war so im Tunnel, dass ich sie fast angefahren hätte. Später tat es mir leid. Ich habe dann angefangen, meine eigenen „Warteinseln“ zu bauen. Wenn ich merke, ich werde ungeduldig, atme ich dreimal tief durch, genau wie wir es in den Übungen des Seminars besprochen haben. Es ist faszinierend, wie sehr sich meine Ruhe auf sie überträgt. Nicht immer, aber immer öfter.

Wir haben auch gelernt, dass Trennungssituationen oft der Auslöser für extreme Ungeduld am Nachmittag sind. Wenn sie den ganzen Tag in der Kita war, ist ihr „Geduldstank“ einfach leer. Da brauche ich dann gar nicht erst versuchen, noch schnell in die Drogerie zu springen. Falls du ähnliche Probleme am Morgen hast, schau dir mal meinen Text über Abschiedsschmerz im Kindergarten an – da hängen viele dieser emotionalen Fäden zusammen.

Ein kleiner Sieg am Sonntagabend

Heute ist Sonntagabend. Mila schläft, der Tee ist wie immer kalt, und ich schaue auf die leere Word-Datei. Aber heute bin ich nicht so erschöpft wie sonst. Wir waren heute Nachmittag im Alaunpark, und als es ans Einpacken ging – normalerweise ein Garant für ein Drama der Extraklasse –, habe ich ihr gesagt: „Wir spielen noch fünfmal 'Fangen', und dann gehen wir.“ Ich habe die fünf Male an meinen Fingern abgezählt. Sie hat mitgezählt. Und als der fünfte Finger eingeklappt war, hat sie tatsächlich meine Hand genommen und ist zum Ausgang gelaufen.

Es sind diese winzigen Siege, die mich durch die Woche tragen. Es ist kein perfektes System, und morgen kann schon wieder alles anders sein. Vielleicht fliegen morgen wieder die Schuhe durch den Flur oder sie weigert sich, in die Bahn zu steigen. Wenn das passiert, weiß ich zumindest, dass ich nicht allein bin. Es gibt so viele Momente, in denen wir scheitern, wie ich neulich erst wieder gemerkt habe, als das Elternförderprogramm mir im Alltag half, meine eigenen Reaktionen besser zu verstehen.

Geduld ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht und dann abhaken kann. Es ist eher wie eine Sprache, die man lernt. Man macht Fehler, man vergisst Vokabeln, man flucht über die Grammatik, aber irgendwann versteht man die Nuancen. Mila lernt gerade das Vokabular der Selbstbeherrschung. Und ich? Ich lerne die Grammatik der Gelassenheit, auch wenn die S-Bahn mal wieder Verspätung hat und die Hafermilch schwer im Rucksack wiegt. In diesem Sinne: Atmen nicht vergessen. Der nächste Montag kommt bestimmt, aber jetzt gehört der Rest des Abends erst mal mir und meinen 1800 Anschlägen pro Seite.